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Publikationsdatum: 5. Oktober 2022

Betriebliche:r Mentor:in mit eidg. Fachausweis

«Meine Haltung und mein Rollenverständnis haben sich stark verändert»

Betriebl. Mentoring Coaching Führung

Interview: Coachingzentrum

Lesedauer: ca. 7 Minuten

Isabelle Thomé-Pfeiffer

Betrieblicher Mentor mit eidg. FA / Dipl. Coach SCA & zertifizierter Resilienz Coach / Project Manager IPMA certified / Swisscom Personalvertreter INI Zentralschweiz / Präsident Syndicom Firmenvorstand Swisscom Schweiz / MOVENDO Bildungsbotschafter

Liebe Isabelle, du hast vor kurzem unseren Lehrgang «Coaching Mentoring» besucht. Was hat dich dazu bewegt?
ISABELLE THOME-PFEIFFER: Ich bin seit 2015 als promovierte Chemikerin und Führungskraft in der Pharmabranche bei der F. Hoffmann-La Roche tätig. Mein persönlicher Fokus hat sich über die Zeit mehr auf die Führung von Menschen konzentriert. Als Führungskraft wurde ich dabei von einem Coach begleitet. Diese Begleitungen haben einiges in mir ausgelöst. Meine eigenen Erkenntnisse aus den Begleitungen und die Coaching-Haltung habe ich in der Führung meiner Mitarbeitenden angewandt. Das führte zu äussert positiven Effekten bei meinen Mitarbeitenden und hat meine Neugier geweckt, sie dabei zu unterstützen, ihr eigenes Potential noch besser ausschöpfen zu können.

Diese einschneidenden Erfahrungen und der Austausch mit meiner Begleitungsperson haben mich schliesslich inspiriert und bewegt, die Ausbildung zur betriebl. Mentorin mit eidg. FA zu starten.

Was hat dich besonders überzeugt an der Ausbildung? Was waren deine Highlights?
«Besonders überzeugt hat mich der Start der Ausbildung mit einer intensiven Phase der Selbstreflexion und dem persönlichen Entwicklungsprozess. Eine gute und ausgeprägte Selbstreflexion ist unabdingbar für eine gute Begleitungsperson.» Die zweite Phase, die sich auf Tools, Techniken und besonders die Theorien konzentrierte, waren ebenfalls überzeugend. Das frühe Sammeln von Praxiserfahrung war äusserts lehr- und hilfreich. «Die sehr guten Lehrcoaches, welche die Ausbildung geleitet haben, waren mein Highlight. Durch ihre langjährigen beruflichen Erfahrungen in der Begleitung von Menschen konnten sie uns nicht nur theoretische Tools und Theorien vermitteln, sondern den Bezug zur Praxis und Realität näher bringen. Das habe ich sehr geschätzt.»

Was hat dich an der Ausbildung überrascht?
Mich hat überrascht, dass man so schnell in die Praxisübung gegangen ist. Zu beginn kam mir das fast zu schnell vor und ich dachte «ich kann ja noch gar nicht coachen». Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister und so war es sehr gewinnbringend, schon so früh im 2. Modul damit zu starten.

Dabei war die Akquise von Kunden eine spannende Erfahrung. Diese beinhaltete zum einen Aufklärungsarbeit darüber, was Coaching überhaupt ist und zum anderen in meinem wissenschaftlich geprägten Umfeld, die Überzeugung, dass es auch etwas bringt.

Was hat dich während des Lehrgangs am meisten herausgefordert?
Der zeitliche Bedarf hat mich am meisten gefordert: Ich habe neben der Ausbildung Vollzeit gearbeitet und habe Freizeit und Ferien in die Ausbildung investiert. Das war zeitweise sehr herausfordernd. Zum Verfassen der thematischen Arbeit habe ich (unbezahlten) Urlaub genommen, um mich voll darauf konzentrieren zu können. Dies ist kein Muss, aber es hat mir geholfen.

Welche Erfahrungen und Impulse aus dem Lehrgang haben dich persönlich am stärksten geprägt?
Im Wesentlichen haben mich drei Dinge besonders geprägt: Der persönliche Lernprozess, der durch die intensive Selbstreflexion angekurbelt wurde. Man hat sich sehr stark damit auseinandergesetzt, wer man ist, was einem wichtig ist und woher man kommt. Die Erkenntnisse aus dieser Reise waren sehr gewinnbringend und haben Aha-Momente wie «deshalb hatte ich den Konflikt mit Person XY» ergeben.

«In meinem täglichen Job habe ich sehr viel Verantwortung und muss Entscheidungen fällen. Die Erkenntnis, dass die Verantwortung für den Inhalt der Begleitung beim Coachee lieht und man als Prozessführer begleitet, lassen mich in mir ruhen. Dadurch ist es mir möglich, mich voll und ganz auf mein Gegenüber einzulassen und mich voll auf Dinge wie aktives zuhören zu konzentrieren. Das war für mich als sehr aktive und reaktive Person ein grosser Lerneffekt und hat viel ausgelöst.»

Und schliesslich die Recherche und das Verfassen der thematischen Arbeit zum Thema «Emotionales Onboarding bei organisationaler Veränderung durch betriebliches Mentoring». In diesem Zusammenhang habe ich mich intensivst mit der Persönlichkeits-System-Interaktions-Theorie nach Kuhl und neurowissenschaftlichen Forschung um Gerhard Roth beschäftigt.

Kurz zusammengefasst werden die meisten Veränderungsprozesse in Unternehmen rein aus der Logik her begründet. Die Motivation der Mitarbeitenden für die Veränderung bleibt aber meistens auf der Strecke, somit findet kein emotionales Onboarding statt. Gelingt es jedoch, das limbische System und damit die Emotionen und das Erfahrungsgedächtnis mit an Board zu holen, kann die Veränderung positiv empfunden werden und kann gelingen.

Wie hat sich dein Berufsalltag seit deiner Ausbildung zum Coach und betrieblichen Mentorin verändert? Was machst du genau anders?
«Meine Haltung und mein Rollenverständnis haben sich stark verändert. Ich nehme bewusst situationsabhängig verschiedene Rollen ein, z.B. die des Coachs, Mentors, der Führungskraft und bleibe zunehmend in der Coaching-Haltung.» Ich stelle Fragen, um zu verstehen und agiere weniger reaktiv auf mein Gegenüber. Achtsames Zuhören ist mittlerweile fest in meiner Toolbox verankert. zudem unterstützen die gelernten Theorien wie die Positive Psychologie oder die PSI-Theorie nach Kuhl meine Führungstätigkeit und geben mir ein besseres Verständnis zur Organisationsentwicklung.

Welche neuen beruflichen Möglichkeiten sind für dich durch die Ausbildung entstanden?
Ich bin innerhalb der Roche als Begleitungsperson tätig und unterstütze beispielsweise das Kulturteam beim Kulturwandel und  habe mit der Ted Talk Serie «Coaching Pill» bereits schon erste Impulse innerhalb der Organisation gesetzt. Diese Reihe beinhaltet 3 sogenannte Pillen: «Was ist Coaching und wie unterschiedet es sich von anderen Beratungsformen?», «Coaching – ein Weg zum Empowerment» und «Coachable Moments».

Durch die Ausbildung bin ich Mitglied im Roche Career Center geworden. Hier unterstütze ich als Freiwillige Angestellte in 1:1 Begleitungen und bei Themen wie beispielsweise «Umgang mit Stress». Ich gehöre zudem dem Team «Mentale Gesundheit» an und habe dort zu dem Thema Resilienz referiert. Ich bin dabei, ein Programm zu erstellen, um die eigene Resilienz im stetigen Wandel steigern zu können.

Wie geht es für dich nach dem Abschluss weiter?
Ich möchte meine Tätigkeit als betriebliche Mentorin noch weiter ausbauen. Dies beinhaltet neben 1:1 Begleitungen, auch Workshops für Teams zu leiten und zu gestalten. Und mein Wunsch wäre es, das Programm, welches ich in meiner thematischen Arbeit zum Thema «Emotionales Onboarding bei organisationaler Veränderung durch betriebliches Mentoring» erstellt und ausgearbeitet habe, ins Unternehmen einzubringen.

Was denkst du, für wen eignet sich diese Ausbildung? Was sollten potenzielle Interessenten unbedingt wissen?
«Die Ausbildung eignet sich für alle Personen, die Menschen ressourcen- und lösungsorientiert führen, beraten und begleiten möchten.»

Besonders in der VUKA-Welt sollte der Mensch noch weiter ins Zentrum der Betrachtung von guter Führung rücken. Führung braucht hier andere Anforderungen und Fähigkeiten als noch in der Vergangenheit.

Was hättest du Absolventen gefragt, hättest du vor der Ausbildung die Möglichkeit dazu gehabt?
Ich hätte wohl gefragt, ob sich der zeitliche Aufwand lohnt. Mir selber kann ich diese Frage heute mit einem klaren Ja beantworten. Ich hätte zudem nach den grössten Herausforderungen gefragt und wie das Gelernte in der Praxis angewendet werden kann.

Welche Frage haben wir nicht gestellt und hätten dir stellen sollen?
Ihr hättet mich noch fragen können, ob ich nun plane, hauptberuflich als betriebliche Mentorin tätig zu sein. Längerfristig könnte ich mir das sehr gut vorstellen. Momentan werde ich noch mehr Erfahrungen sammeln und mein Wissen zu Organisationsentwicklung weiter ausbauen.

Was du sonst noch sagen wolltest…
Ich möchte mich herzlichst für die Möglichkeit zu diesem Interview bedanken, aber auch für eine hervorragende Ausbildung!

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