Publikationsdatum: 5. April 2025
«Es liegt mir am Herzen, Lernende in ihrem Wachstum zu fördern, sie zu inspirieren und zu ermutigen»
Sarah Wolfensberger gibt Einblicke in ihre Arbeit als Leiterin Berufsbildung bei der Stadt Winterthur. Im Interview spricht sie darüber, wie sie Coaching-Methoden in die Ausbildung integriert, warum die Entwicklung eines «Glücksunterrichts» ihr am Herzen liegt und wie systemische Fragetechniken den Lernprozess nachhaltig verändern können.
Interview: Coachingzentrum
Lesedauer: ca. 5 Minuten
Sarah Wolfensberger
Sarah Wolfensberger leitet seit 15 Jahren mit Herzblut die Berufsbildung der Stadt Winterthur. Ihre Tätigkeitsbereiche umfassen u. a.:
- Koordination und Weiterentwicklung der Berufsbildung (400 Lernende, 27 Berufe)
- Zuständig für zwei interne Ausbildungsverbünde
- Selektion
- Schulungen und Betreuung von Lernenden & Berufsbildenden
Sie haben bei uns den Lehrgang CAS Coaching erfolgreich abgeschlossen. Was hat Sie dazu bewogen, sich für diesen Lehrgang anzumelden?
SARAH WOLFENSBERGER: Ich habe das CAS Coaching gewählt, weil Coaching eine immer wichtigere Rolle in meiner Tätigkeit als Leiterin Berufsbildung spielt. Die aktuellen Revisionen der Grundbildungen rücken die Coaching-Rolle der Berufsbildenden in den Fokus. Das motivierte mich, meine Führungskompetenzen mit Coaching-Ansätzen zu erweitern und mein Wissen in Schulungen weiterzugeben. So kann ich Berufsbildende dabei unterstützen, ihre Coaching-Rolle erfolgreich wahrzunehmen.
Es liegt mir am Herzen, Lernende in ihrem Wachstum zu fördern, sie zu inspirieren und zu ermutigen, damit sie auch über sich hinauswachsen und aufblühen können. Mit der Coaching-Toolbox kann ich spezielle Techniken und Instrumente zur Unterstützung anwenden.
Welche Aspekte des Lehrgangs waren für Sie besonders wertvoll?
Ganz klar die gelungene Mischung aus Theorie und direkter Anwendung. Durch das eigene Erleben und Ausprobieren konnte ich am besten in die Methoden eintauchen. Sehr lehrreich fand ich auch die Demo-Coachings unserer Trainer: Insbesondere die systemischen Fragetechniken und die grosse Vielfalt an Coaching-Tools haben mich bereichert. Nicht alle gehören zu meinen Favoriten, doch nun kann ich meine Lieblingstools als Rosinen herauspicken. Ich hätte nicht erwartet, dass mein Toolkit so prall gefüllt sein würde.
Besonders fasziniert hat mich zudem die Positive Psychologie – so sehr, dass sie mich inspiriert hat, ein Konzept für einen «Glücksunterricht» zu entwickeln: kurze Lern-Nuggets, die Lernende in ihrer persönlichen Entwicklung stärken, etwa durch die Reflexion ihrer Charakterstärken.
Haben bestimmte Aspekte des Lehrgangs die Art und Weise, wie Sie Ihren Beruf ausüben, verändert?
Da muss ich innerlich gleich schmunzeln. Ja, auf jeden Fall. Ich gebe ganz bestimmt weniger Ratschläge und Lösungen vor, sondern stelle viel mehr Fragen und halte Pausen deutlich besser aus, wenn ich auf Antworten warte.
Wie wenden Sie die Methoden und Werkzeuge des CAS Coaching in Ihrer Praxis an? Gibt es bestimmte Techniken oder Ansätze, die Sie besonders häufig nutzen?
Mein Abschluss liegt noch nicht lange zurück, weshalb ich noch nicht von vielen Erfahrungen berichten kann. Dennoch kann ich gerne ein paar Beispiele nennen: Am meisten setzte ich systemische Fragetechniken ein. Etwa Skalierungsfragen in Gesprächen mit Lernenden oder gezielte Fragen in Bewerbungsgesprächen. Ein persönliches Motto-Ziel nach dem Zürcher Ressourcen Modell habe ich bereits mehrfach im Einzel- oder Gruppensetting erarbeitet, zuletzt in einem Workshop mit KV-Lehrenden im Abschlussjahr – ein Vorgeschmack auf meinen zukünftigen Glücksunterricht.
«Die Positive Psychologie hat mich so begeistert, dass ich daraus mein Glücksunterricht-Konzept entwickeln möchte – kurze Lern-Nuggets, die Lernende in ihre Persönlichkeitsentwicklung stärken.»
Im Lerncoaching nutze ich Methoden wie das SCORE-Modell und verschiedene Visualisierungstechniken. Mit dem Disney-Modell leitete ich Lernende schon in Projekten an. Zudem nutzte ich schon den VIA-Charakterstärken-Test für die Unterstützung bei der Frage: «Wie weiter nach der Lehre?» Bei der Berufsorientierung nach der Lehre werde ich künftig sicher auch das Tetralemma oder die Timeline einsetzen.
Ein besonderes Highlight war die Tagung mit unseren 45 KV-Berufsbildenden, bei der ich einen Input zum Thema «Meine Rolle als Coach in der Begleitung von Lernenden» konzipierte und durchführte.
Wie haben Sie persönlich vom CAS Coaching profitiert – gibt es Veränderungen, die über den beruflichen Bereich hinausgehen?
Die intensive Auseinandersetzung mit meinen eigenen Werten, meinem Menschenbild und meiner Haltung fand ich persönlich spannend. Seither nehme ich Alltagssituationen bewusster wahr und reflektiere meine Reaktionen und Entscheidungen gezielter.
Schon immer war mir in der Berufsbildung die Entwicklung von Lernenden und Berufsbildenden wichtig. Durch das CAS Coaching hat sich mein Blick darauf nochmals geschärft: Ich sehe den Menschen nun noch stärker als eigenständige Ressource, der seine eigenen Lösungen für seine Ziele oder Träume findet.
Welche Änderungen haben Sie durch den Lehrgang in ihrem Beruf vorgenommen oder werden Sie noch vornehmen?
Der Lehrgang hat meine Überzeugung gestärkt, dass Coaching ein zentraler Erfolgsfaktor in der Berufsbildung und in der Führung meines Teams ist. Deshalb möchte ich Coaching noch bewusster als Führungsinstrument einsetzen – sei es in der Führung meiner Mitarbeitenden, in der Ausbildung von Berufsbildenden und Lernenden oder in gezielten Begleitungen, etwa bei Lerncoachings oder Konfliktsituationen. Solche Begleitungen ergeben sich meist aus den Semestergesprächen mit den Lernenden oder aus herausfordernden Situationen, in denen eine gezielte Begleitung zieldienlich ist und ich keinen Rollenkonflikt habe. Auch kleine, aber feine Veränderungen haben sich bereits etabliert: So haben wir in unserer wöchentlichen Team-Sitzung eine «Rosinenrunde» ein geführt, in der jede:r Mitarbeiter:in das persönliche Highlight der vergangenen Woche teilt – ein bewusster positiver Moment im Arbeitsalltag.
«Unsere ‹Rosinenrunde› bringt bewusst positive Momente in den Arbeitsalltag – jeder teilt sein persönliches Highlight der Woche und schafft damit eine wertschätzende Teamkultur.»
Sie setzen Coaching in der Ausbildung der Berufsbildenden ein. Wie kann man sich so ein Coaching vorstellen? Welche Themen kommen dabei auf?
Bisher hatte ich noch keine klassische Eins-zu Eins-Begleitung mit Berufsbildenden. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, sie in Coachings zu begleiten – etwa bei Konflikten, Herausforderungen mit Lernenden oder zur Reflexion ihrer eigenen Führungsrolle. Solche Begleitungen können Berufsbildenden helfen, neue Ansätze zu finden, um das Verhalten von Lernenden besser zu verstehen und gezielt darauf zu reagieren – mit dem Ziel, die Beziehung und die Lernbereitschaft zu stärken.
Mein Ziel ist es, den Coaching-Ansatz noch stärker in der Ausbildung der Berufsbildenden zu integrieren – sei es durch kurze Impulse in einem Erfahrungsaustausch, in Schulungen oder Tagungen. So werde ich beispielsweise bei der nächsten Tagung für unsere Berufsbildenden aus dem Bereich Fachleute Betriebsunterhalt und Unterhaltspraktiker:innen einen Input zur Rolle als Coach in der Begleitung von Lernenden geben. Dabei geht es darum, Berufsbildende in ihrer Coaching-Rolle zu stärken und ihnen aufzuzeigen, wie sie Coaching gewinnbringend in der Ausbildung einsetzen können – stets im Bewusstsein, dass sie viele verschiedene Rollen in der Begleitung von Lernenden innehaben.
Können Sie konkrete Fallbeispiele nennen oder von Erfolgsgeschichten berichten?
Für mich persönlich ist es immer ein Erfolg, wenn der oder die Coachee spürbar einen Schritt weiter kommt. Besonders gut erinnere ich mich an meine allererste Begleitung – ein Moment, der mich in meiner Rolle als Coach bestärkt hat. Eine Lernende hatte Schwierigkeiten, den Überblick über ihre Aufgaben zu behalten und sich zu konzentrieren. Sie fühlte sich oft abgelenkt und unproduktiv.
Mit dem SCORE-Modell analysierten wir strukturiert ihre Herausforderungen und entwickelten Lösungen. Sie erkannte, dass ihre fehlende Konzentration u.a. mit Schlafmangel und ineffizientem Aufgabenmanagement zusammenhing. Gemeinsam definierten wir klare Ziele und entwickelten Strategien zur besseren Selbstorganisation, z.B. das Arbeiten mit einer To-Do-Liste und das bewusste Setzen von Zeitfenstern für die Mailbearbeitung. Besonders hilfreich fand sie die Visualisierung ihrer Erkenntnisse. Als sie am Ende sagte: «Du darfst mich jederzeit wieder für ein Coaching anfragen», motivierte mich das enorm. Obwohl sie wusste, dass ich noch in der Ausbildung befand, schenkte sie dem Prozess Vertrauen und erkannte den persönlichen Nutzen. Später führten wir tatsächlich eine weitere Begleitung durch.
Was würden Sie anderen Coaches empfehlen, die sich überlegen. den Lehrgang CAS Coaching zu besuchen?
Neugierig und mutig sein – und die gelernten Methoden direkt in die Praxis umsetzen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Tun: «Üben, üben, üben». Sobald ich ein neues Tool kennenlernte, suchte ich gezielt nach Anwendungsmöglichkeiten und sammelte wertvolle Erfahrungen.
Was mir vor dem Lehrgang nicht so bewusst war: In einer Begleitung übernehme ich verschiedene Rollen. Eine davon ist die des Coaches – jemand, der vor allem Fragen stellt und den Rahmen hält. Erst durch den CAS Coaching wurde mir die Tiefe und Bedeutung dieser speziellen Haltung wirklich klar und bewusst.
Mein letzter Rat: Sich stets bewusst sein, für welche Anliegen man Begleitungen anbieten kann und möchte – und wo die eigenen Grenzen liegen oder andere Unterstützung sinnvoller ist.



Canva / Coachingzentrum