Publikationsdatum: 27. August 2026
Der Vergleich, der krank macht: Social Media und der Leistungsdruck der Studierenden
Social Media kann motivieren, inspirieren und beim Lernen unterstützen. Doch der ständige Vergleich mit anderen kann zusätzlichen Leistungsdruck erzeugen. Gerade für Studierende lohnt es sich deshalb, den eigenen Medienkonsum und vermeintliche Erfolgsstandards kritisch zu hinterfragen.
Soziale Medien führen dazu, dass wir uns vermehrt mit anderen Menschen auf Onlineplattformen vergleichen.
Von Sonja Kupferschmid und Sophie Plüss
Lesedauer: ca. 5 Minuten
Soziale Medien bieten endlos viele unterhaltsame, spektakuläre und auch lehrreiche Inhalte. Plattformen wie TikTok, Facebook, YouTube und Instagram können unsere Aufmerksamkeit absorbieren. Doch was passiert in unserem Gehirn beim Konsumieren endloser Video-Abfolgen auf Social-Media-Plattformen? Das Belohnungssystem im Gehirn: Ein Auslöser von aussen löst einen Reiz in unserem Gehirn aus, aus dem ein Verlangen nach weiteren Reizen entstehen kann, welches gestillt werden will. Feel-good-Hormone werden so in unserem Gehirn ausgeschüttet. Doch je erwartbarer eine Belohnung ist, desto weniger stark wird das Belohnungssystem aktiviert. Das bedeutet, dass immer mehr konsumiert werden muss, um das Belohnungssystem zu reizen – beispielsweise indem man immer länger scrollt, mehr Pakete bestellt oder mehr isst (Quarks Dimension Ralph, 2024).
Aufwärtsvergleiche durch die sozialen Medien
Soziale Medien können nicht nur süchtig machen, sondern auch dazu führen, dass es zur Gewohnheit wird, uns auf Onlineplattformen mit anderen Menschen zu vergleichen. Eine Erhebung des DIPF Leibniz-Instituts zeigt, dass Kinder und Jugendliche, die häufig sozialen Medien nutzen, «ein geringeres Selbstwertgefühl und eine schlechtere Stimmung» aufwiesen (DIPF, 2023). Zusätzlich kann die Nutzung sozialer Medien einen sogenannten Aufwärtsvergleich normalisieren: Das heisst, dass wir uns zunehmend mit Personen vergleichen, die uns in bestimmten Bereichen oder bei erstrebenswerten Fähigkeiten überlegen scheinen. Dies kann einerseits zunächst zu mehr Motivation führen, dasselbe auch zu erreichen. Wenn dadurch jedoch unrealistische und unerreichbare Ziele gesetzt werden, oft von Personen mit Depressionen oder Angststörungen, fühlen sich die Betroffenen schnell nicht mehr angespornt, sondern werten sich selbst ab. In solchen Situationen ist ein Aufwärtsvergleich nicht mehr motivierend, sondern wirkt abwertend (Quarks, 2021).
«Studytok»
Solche Aufwärtsvergleiche finden auch im Bildungsbereich statt: Immer bessere Noten, immer mehr studieren, immer mehr wissen. Der Social-Media-Trend, der insbesondere auf Instagram und TikTok grosse Reichweite erlangt, ist das sogenannte «StudyTok». Bei diesem Trend geht es darum, Lerntipps, -motivation und -inhalte zu vermitteln, jedoch oft in einem ungesunden Ausmass: 8-Stunden-Lernsessions für die Universität (@chei’s, o. D.) oder eine ganze Nacht für die bevorstehende Prüfung durchlernen (@kaybchung, 2025) – Beispiele, die einen schädlichen Standard für akademischen Erfolg setzen. So kann es geschehen, dass man statt motiviert zu sein, sich selbst klein macht und unter Druck setzt, weil man sich denkt «alle anderen lernen viel mehr als ich, ich muss mehr tun» (Slavens, 2026).
Im Rahmen einer PULS-Reportage wurde eine 14-jährige Schülerin begleitet, die durch den Leistungsdruck an der Schule in ein Burnout gerutscht ist. Die Symptome werden von der Betroffenen selbst als schlechte Stimmung und fehlende Energie beschrieben. In einer weiteren Reportage von STRG_F berichten Betroffene von Schlafstörungen, Bauchschmerzen, Gedankenkarussell, Haarausfall, Übelkeit und Ängsten (STRG_F, 2023). Dies zeigt, dass von einem Burnout, also einem chronischen Erschöpfungszustand, alle Altersklassen betroffen sein können (PULS Reportage, 2026).
Wenn der Feed zur zusätzlichen Belastung wird
Ein Zusammenspiel zwischen dem auf schnelle Belohnungen getrimmten Gehirn und einem Social-Media-Feed, der voller Erfolgsmomente ist, ist alles andere als rein zufällig: Social-Media-Plattformen steigern das Verlangen nach Glückshormonen und Dopamin-Kicks. Gleichzeitig liefern sie uns immer neue Vergleichsmassstäbe, an denen wir scheitern. Auf Studierende, die ohnehin schon gestresst sind, kann dies weiteren Druck ausüben: Statt Erholung vom Prüfungsstress bringt die Zeit auf Social Media neue Beispiele für vermeintliches Versagen. So werden das Handy und die sozialen Medien zu zusätzlichen Belastungsfaktoren. Wer diesen Mechanismus erkennt, kann bewusster gegensteuern – etwa indem er das Handy öfter mal weglegt und sich fragt, ob ein 8-Stunden-Lerntag wie auf TikTok propagiert tatsächlich zielführend oder nur eine weitere aufmerksamkeitserregende Inszenierung ist.
Zunehmende Stressbelastung
Die Stressbelastung von Studierenden ist in den letzten 10 Jahren um 18 Prozentpunkte gestiegen. Seit der Corona-Pandemie stagniert die Stressbelastung auf hohem Niveau. Über 40% der Studierenden in Deutschland gaben an, häufig gestresst zu sein. Prüfungsstress, Angst und Doppelbelastung stellen dabei die drei grössten Belastungsfaktoren dar (TK, 2026). Das Bundesamt für Statistik stellt fest, dass 29% der Schweizer Studierenden unter mittleren bis schweren depressiven Symptomen leiden. Besonders betroffen sind dabei Frauen und Personen unter finanziellem Druck. Rund drei Viertel der Studierenden gehen neben dem Studium einem Nebenerwerb nach, über 80% sind trotzdem auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Dies erhöht den Druck auf die Studierenden zusätzlich und mindert die Chancengleichheit (VSS|UNES|USU, 2025).
Quellenangaben:
@chei’s (o. D.). Study Vlog. TikTok. https://www.tiktok.com/@cheisyasusanto/video/7544326750545677576
@kaybchung (2025, 5. Juni). All Nighter. Instagram. https://www.instagram.com/reel/DKhumwJv60v/?hl=de
DIPF (2023, 14. September). Soziale Medien: Wie Aufwärtsvergleiche und Wohlbefinden bei Kindern und Jugendlichen zusammenhängen. DIPF Leibniz-Institut. https://www.dipf.de/de/dipf-aktuell/pressemitteilungen/soziale-medien-wie-aufwaertsvergleiche-und-wohlbefinden-bei-kindern-und-jugendlichen-zusammenhaengen
PULS Reportage (2026, 18. März). Klinik statt Klassenzimmer: Wenn der Druck im Burnout endet. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=7_TcpuHb3LE
Slavens, T. (2026, 15. April). The rise of Studytok: is it motivational or a distraction ? Arrow. https://www.southeastarrow.com/lifestyle/the-rise-of-studytok-is-it-motivational-or-a-distraction-9240f298
STRG_F (2023, 14. November). Druck, Angst, Stress: Macht Schule uns krank? YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=wUqBt1Pzztg
VSS|UNES|USU (2025, 20. November). Studierende unter Druck: Neueste Umfrage zeigt – Finanzielle Sorgen schlagen auf die Psyche. https://vss-unes.ch/studierende-unter-druck-neueste-umfrage-zeigt-finanzielle-sorgen-schlagen-auf-die-psyche/
TK (2026, 10. Juni). TK-Studie: Stressbelastung bei Studierenden seit Corona auf hohem Niveau. TK Die Techniker. https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/stressbelastung-bei-studierenden-auf-hohem-niveau-2218636?tkcm=ab
Quarks Dimension Ralph (2024, 17. Dezember). Social Media: Warum kann ich nicht aufhören mit Binge-Scrolling? YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=_V_VBrW3ZuY
Quarks (2021, 14. Juni). Darum vergleichen wir uns mit anderen Menschen. https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/darum-vergleichen-wir-uns-mit-anderen-menschen/
Sonja Kupferschmid
leitet als Co-Geschäftsführerin das Coachingzentrum in Olten. Die Arbeits- und Organisationspsychologin verbindet ihre Expertise in Produktentwicklung mit fundierter Coaching-Erfahrung und hat das Weiterbildungsportfolio des Coachingzentrums wesentlich mitgeprägt. Mit ihrer langjährigen Praxis hat sie sich als Spezialistin in den Bereichen Coaching, betriebliches Mentoring, Resilienztraining, Teamcoaching und Supervision etabliert.
Sophie Plüss
hat den Bachelorstudiengang Kommunikationswissenschaft & Medienforschung an der Universität Zürich erfolgreich abgeschlossen. Sie unterstützt das Coachingzentrum als Creative Assistant in den Bereichen Marketing, Kommunikation und Produktentwicklung.


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