Publikationsdatum: 1. Juni 2025
Diagnose: Organizational Burnout
Die Veränderungen in Unternehmen sind oft subtil: Die Innovationskraft lässt nach, die Dynamik in den Teams schwindet, und die Führungsebene spürt eine wachsende Distanz zur Basis. Diagnose: Organizational Burnout. Doch das muss nicht das Ende der Erfolgsgeschichte sein. Stattdessen bietet sich die Chance, frühzeitig gegenzusteuern und neue Impulse zu setzen. Mit den richtigen Strategien lassen sich Energie und Motivation zurückgewinnen, sodass das Unternehmen gestärkt aus der Herausforderung hervorgeht.
Ein organisationales Burnout stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Überlebensfähigkeit von Unternehmen dar.
Von Sonja Kupferschmid und Pascal von Känel
Lesedauer: ca. 6 Minuten
Während der Begriff Burnout häufig im Zusammenhang mit individuellen Mitarbeitenden verwendet wird, kann dieses Phänomen auch ganze Unternehmen betreffen. Ein organisationales Burnout bezeichnet den Zustand, in dem eine Organisation aufgrund anhaltender Überlastung und Stress ihre Leistungsfähigkeit verliert und in eine Art Lähmung verfällt. Dieser Zustand äussert sich durch schwindende Produktivität, Innovationsstau und eine allgemeine Resignation innerhalb des Unternehmens. Es ist entscheidend, die Anzeichen frühzeitig zu erkennen und geeignete Gegenmassnahmen zu ergreifen, um die Organisation wieder auf Kurs zu bringen (Harms, 2024).
Was Unternehmen in die Krise treibt
Die Gründe für ein organisationales Burnout sind vielfältig und fassen sich in folgenden drei Begriffen zusammen: externer Systemstress, interner Ressourcenstress und endogener Identitätsstress. Externer Systemstress bezeichnet äussere Einflüsse wie intensiver Wettbewerbsdruck, wirtschaftliche Krisen oder regulatorische Veränderungen, welche das Unternehmen erheblich belasten können. Dadurch steigt der Druck auf die Organisation, was oft zu einer Überforderung führt. Hinzu kommt interner Ressourcenstress, der sich in einem Mangel an notwendigen Ressourcen wie Personal, finanziellen Mitteln oder Know-how zeigt. Dies kann die Handlungsfähigkeit der Organisation erheblich einschränken, insbesondere wenn übermässiger Ergebnisdruck und interne Kompetenzdefizite zusätzlich belastend wirken. Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist der endogene Identitätsstress. Ständige strategische Neuausrichtungen, häufige Reorganisationen oder der Verlust zentraler Führungspersönlichkeiten können zu Identitätskrisen führen. Dadurch entstehen Unsicherheiten und der gemeinsame Sinn für Ziele und Werte innerhalb der Organisation kann verloren gehen (Mai, 2024).
Der schleichende Weg in ein organisationales Burnout
Ein organisationales Burnout verläuft oft in mehreren Phasen, die durch spezifische Symptome gekennzeichnet sind (Kres, 2024):
Latente Phase
Das latente organisationale Burnout zeichnet sich durch mehrere zusammenhängende Phänomene aus. Die Aktivitäten des Unternehmens verlieren zunehmend ihre Marktwirkung, während gleichzeitig die Produktivität schleichend abnimmt. Parallel dazu werden die verfügbaren Ressourcen immer knapper, ohne dass die Gründe dafür klar erkennbar sind. Erschwerend kommt hinzu, dass die internen Anforderungen stetig mehr Zeit und Energie binden.
Akute Phase
Das akute organisationale Burnout manifestiert sich in einer sich ausbreitenden Unsicherheit, die mit einem spürbaren Verlust an Dynamik einhergeht. In dieser Phase steigen die gegenseitigen Ansprüche aller Beteiligten kontinuierlich an. Eine zynische Grundhaltung gewinnt die Oberhand im Arbeitsalltag, während gleichzeitig die Innovationskraft zum Erliegen kommt.
Chronische Phase
Ein chronisches organisationales Burnout zeigt sich in der wachsenden Distanz zwischen Führungskräften und den Mitarbeitenden. Diese Entwicklung geht einher mit einem sich verstärkenden Gefühl von Macht- und Sinnlosigkeit in der Organisation. Die zunehmende Fluktuation, die sich durch alle Ebenen zieht und auch das Management erfasst, verstärkt die Instabilität. Als Reaktion darauf lässt sich ein verstärkter Aktivismus beobachten, der sich in einer Vielzahl von Change-Projekten manifestiert.
Letale Phase
Das letale organisationale Burnout kennzeichnet sich durch einen vollständigen Kommunikationsbruch, bei dem die Führung die Mitarbeitenden nicht mehr erreicht. Die Kontrolle ist der Führungsebene weitgehend entglitten, wodurch ein Zustand der Steuerungslosigkeit entsteht. Die vorherrschende Hoffnungslosigkeit bestimmt dabei massgeblich die gesamte Situation. In dieser Phase setzt sich eine „Rette sich wer kann“-Attitüde durch, die das soziale Gefüge der Organisation endgültig zu zersetzen droht.
Wie Coaches und betriebliche Mentor:innen helfen können
Die Prävention und Bewältigung von einem organisationalen Burnout erfordert einen systematischen Ansatz, der verschiedene Expertisen und Massnahmen verbindet. Unternehmen können durch die Anpassung bestehender Instrumente wie Zufriedenheitsumfragen bei Mitarbeitenden und 360-Grad-Leadership-Checks frühzeitig Warnsignale erkennen und organisatorische Blockaden aufdecken. Dabei spielen verschiedene Experten eine zentrale Rolle: Coaches können bei der Entwicklung von Lösungsstrategien unterstützen, während betriebliche Mentor:innen Mitarbeitende dabei begleiten, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen und gezielt mit Führungskräften zusammenarbeiten, um neue Führungsansätze zu etablieren, die auf Selbstführungskompetenz und dem bewussten Loslassen von Kontrolle basieren. Agile Teamcoaches ergänzen diesen Ansatz, indem sie Teams auf dem Weg zur Selbstorganisation begleiten und bei der Implementation agiler Arbeitsmethoden unterstützen. Solche Massnahmen ermöglichen es Unternehmen, sowohl präventiv als auch interventiv gegen ein organisationales Burnout vorzugehen. Durch die Integration bewährter Best Practices und deren Anpassung an spezifische Unternehmensanforderungen entsteht ein dynamischer Entwicklungsprozess, der nicht nur akute Burnout-Symptome behandelt, sondern eine resiliente Organisationskultur entwickelt. Diese Investition in professionelle Unterstützung und präventive Massnahmen führt zu gesteigerter Mitarbeiterzufriedenheit, höherer Produktivität und einer nachhaltig gesunden Unternehmensentwicklung (Kres, 2024).
Die Zukunft liegt in der Prävention
Ein organisationales Burnout stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Überlebensfähigkeit von Unternehmen dar. Der Prozess entwickelt sich meist schleichend, beginnend mit abnehmender Marktwirkung und Produktivität, und kann unbehandelt bis zum vollständigen Zusammenbruch der Organisationsstrukturen führen. Um diesem entgegenzuwirken, ist ein ganzheitlicher Präventions- und Interventionsansatz erforderlich. Dieser umfasst sowohl systematische Früherkennung durch geeignete Monitoring-Instrumente als auch die gezielte Einbindung verschiedener Experten wie Coaches und Mentor:innen. Besonders wichtig ist dabei die Entwicklung einer resilienten Organisationskultur, die auf Selbstführungskompetenz und agilen Arbeitsmethoden basiert. Nur durch proaktives Handeln und die Integration präventiver Massnahmen können Unternehmen langfristig ihre Handlungsfähigkeit und Innovationskraft bewahren.
Quellenangaben:
Harms, W. (2024, 8. April). Das passiert, wenn Firmen durch zu viel Stress ausbrennen. Impulse. https://www.impulse.de/organisation/organizational-burnout/7618468.html
Mai, J. (2024, 01. Juli). Organisational Burnout: Die paralysierte Firma. karrierebibel. https://karrierebibel.de/organisational-burnout/
Kres, M. (2024, 16. Februar). Was tun gegen organizational Burnout? HR Today. https://www.hrtoday.ch/de/article/was-tun-gegen-organisationales-burnout
Miller, B. (2022, 16. März). Organizational Burnout : 7 Risiko-Faktoren bannen. weka. https://www.weka.ch/themen/management/unternehmensfuehrung/geschaeftsfuehrung/article/organizational-burnout-7-risiko-faktoren-bannen/
Sonja Kupferschmid
leitet als Co-Geschäftsführerin das Coachingzentrum in Olten. Die Arbeits- und Organisationspsychologin verbindet ihre Expertise in Produktentwicklung mit fundierter Coaching-Erfahrung und hat das Weiterbildungsportfolio des Coachingzentrums wesentlich mitgeprägt. Mit ihrer langjährigen Praxis hat sie sich als Spezialistin in den Bereichen Coaching, betriebliches Mentoring, Resilienztraining, Teamcoaching und Supervision etabliert.
Pascal von Känel
hat das Masterstudium für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie & Verhaltensmedizin an der Universität Bern erfolgreich abgeschlossen und ist nun als Assistenzpsychologe I im Kinder- und Jugendbereich tätig. Er unterstützte das Coachingzentrum in der Produktentwicklung.


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