Publikationsdatum: 18. Mai 2026
Growth Mindset
Begriffe aus der Coachingwelt einfach und praxisnah erklärt.
Wachstum entsteht selten dort, wo wir bereits alles können. Es beginnt dort, wo wir bereit sind, Neues zu wagen, dazuzulernen und unseren Blick zu erweitern. Eine wachstumsorientierte Haltung hilft dabei, Herausforderungen mit Neugier statt mit Unsicherheit zu begegnen. Entdecken Sie, weshalb das Growth Mindset als einer der wichtigsten Schlüssel für persönliche Entwicklung gilt – und wie es neue Möglichkeiten für Lernen, Veränderung und Erfolg eröffnet.
Im Growth Mindset werden Herausforderungen als Chancen und Wachstumsmöglichkeiten betrachtet.
Von Karin Sidler und Sophie Plüss
Lesedauer: ca. 7 Minuten
«Growth Mindset» wird auf Deutsch mit «Wachstumsdenken» oder «dynamisches Selbstbild» übersetzt. Gemeint ist damit die tiefe innere Überzeugung, dass wir uns entwickeln können, dass das Erlernen und Vertiefen von Kompetenzen und Fähigkeiten in unserer eigenen Hand liegt und nicht unveränderlich in uns festgelegt ist. Im Growth Mindset werden Herausforderungen als Chancen und Wachstumsmöglichkeiten betrachtet und Rückmeldungen von anderen als wertvolle Anregungen angesehen. Schlüsselelemente sind dabei die Erweiterung des Erfahrungswissens, eine umfassende Reflexionsfähigkeit und Training, das die Verinnerlichung dieser Haltung unterstützt. Erfolge und Verhalten anderer Menschen begegnet man nicht vergleichend, sondern nutzt sie als Inspiration für die eigene Weiterentwicklung (Blackwell et al., 2007).
«Growth Mindset» versus «Fixed Mindset»
Die Psychologin Carol Dweck beschreibt Menschen mit einem «Growth Mindset» als Personen, die glauben, dass ihre Persönlichkeit und ihre Talente durch Reflexion, Training, gute Strategien und Input von anderen weiterentwickelt werden können. Sie unterscheidet dabei zwischen zwei Mindsets: Das eben beschriebene «Growth Mindset» und das sogenannte «Fixed Mindset». Menschen mit «Fixed Mindset» sind gemäss Dweck der Überzeugung, dass wir mit einem Rucksack an Fähigkeiten und Verhaltensweisen geboren werden, welcher im Grundsatz nicht veränderbar ist (Dweck, 1999; 2006 zitiert nach Rammstedt et al., 2024). Mit «Fixed Mindset» machen wir Zuschreibungen. Wirkt beispielsweise das Verhalten einer anderen Person aggressiv, so äussern wir: «Diese Person ist aggressiv.» Die Differenzierung, dass dies ein Verhalten einer Person in einer bestimmten Situation ist, das wir – in Resonanz mit unserem Erfahrungsschatz – als aggressiv bewerten, ist mit «Fixed Mindset» nicht möglich.
Wichtigkeit und Bedeutung von «Growth Mindset»
Die Forschung zum Growth Mindset zeigt, in welchem Ausmass unsere innere Haltung beeinflusst, wie wir mit Herausforderungen, Lernen und Entwicklung umgehen. In einer Studie mit Jugendlichen in der Sonderpädagogik führte beispielsweise eine Growth-Mindset-Intervention zu einem deutlichen Anstieg der Motivation. Das Computerprogramm Brainology vermittelte den Schüler:innen, dass das, was wir gemeinhin als Intelligenz verstehen, trainier- und veränderbar ist (Rhew et al., 2018).
Weitere Studien zeigen, dass Interventionen, die den Glauben an die Veränderbarkeit von Eigenschaften und Persönlichkeit stärken, Motivation, Leistung und psychisches Wohlbefinden positiv beeinflussen. So konnten Lipsey et al. (2023) nachweisen, dass Teilnehmende nach einer Intervention mehr an ihre Selbstwirksamkeit glaubten, sich weniger Selbstvorwürfe machten und konstruktiver mit Herausforderungen umgingen. Interessant dabei: Die Effekte hielten nur an, wenn die Haltung aktiv trainiert und gefestigt wurde – so wie wir es aus Haltungsarbeit im Coaching kennen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Ein Growth Mindset unterstützt nicht nur die Motivation (Rhew et al., 2018), sondern auch den konstruktiven Umgang mit Fehlern (Blackwell, 2007) und stärkt die Resilienz – also die Fähigkeit, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen, sondern daran zu wachsen (Yeager & Dweck, 2012). Menschen, die ein Growth Mindset verinnerlicht haben, sehen Fähigkeiten nicht als festgegeben, sondern als veränderbar – und das prägt ihr Handeln und Erleben nachhaltig.
Ein Praxisbeispiel für «Growth Mindset»
Wie sich «Growth Mindset» im realen Leben zeigt und auswirkt, sei anhand eines fiktiven Beispiels illustriert:
Eine Journalistin namens Frieda Frei, 45 Jahre alt, kann sehr gut Interviews mit prominenten Personen führen und berührende und fesselnde Texte verfassen. Denkt sie in einem «Fixed Mindset», so hat sie die Haltung, dass diese Fähigkeit ein fester Ausdruck ihrer Persönlichkeit ist und dass sie schon immer über die Grundlagen dieser Fähigkeit verfügt hat. Hat sie «Growth Mindset» verinnerlicht, so ist ihr klar, dass sie durch Lebenserfahrung, Prägung, Übung, Training und Umgang mit Herausforderungen ihr professionelles Handwerk erlernen und weiterentwickeln konnte. Ihr ist klar, dass Menschen Fähigkeiten entwickeln können.
Hat Frieda Frei dies verinnerlicht und ihr Selbstbild gestärkt, so dass sie sich selbst als richtig gute Journalistin sieht, so wirkt diese Grundhaltung erstmal unterstützend. Auch hier ist sie jedoch wiederum mit dem «Fixed Mindset» unterwegs, wenn sie der Ansicht ist, dass sie nun alles kennt und ihr eigenes Weiterentwicklungspotenzial nicht erkennt. Mit verinnerlichtem «Growth Mindset» ist ihr klar, dass der Raum für Weiterentwicklung endlos ist und sie durch weitere tiefere Verinnerlichung und Vernetzung von Wissen und Erfahrung stetig wirkungsvoller wird, sich in diesem Prozess ihr Know- und Do-how und auch ihre Persönlichkeit weiterentwickelt.
Wäre ein Artikel von Frieda bei ihren Leser:innen nicht gut angekommen, der Artikel einer Journalistenkollegin hätte jedoch erneut viel positives Feedback erhalten, so wäre Frieda mit «Fixed Mindset» der Überzeugung, dass manche Menschen im Leben einfach immer Glück haben – der Erfolg und das Glück ist diesen Menschen «in die Wiege gelegt». Mit dem «Growth Mindset» ist für Frieda klar, dass Feedback positiv und negativ sein kann und auch sein soll. Sie nimmt Feedback grundsätzlich an und prüft, inwieweit es ein Impuls für ihre Weiterentwicklung ist. Und Lesenden-Feedback ist für sie einer von mehreren Orientierungspunkten. Kommt sie beispielsweise zum Schluss, dass sie noch packender und zielgruppenorientierter schreiben möchte, prüft sie, wo und wie sie das weiterentwickeln kann, was sie mit Freude und Motivation angeht (Beispiel in Anlehnung an Windolph, 2023).
Growth Mindset in der Praxis
Als Begleitungsperson dürfen wir selbst immer wieder die Aufmerksamkeit darauf lenken, inwieweit wir «Growth Mindset» verinnerlicht haben. Neigen wir dazu zu sehen, was wir nicht können und zur Ansicht, dass wir es nie schaffen, eine professionelle Coach und Begleitungsperson zu werden? Oder empfinden wir unsere Begleitungstätigkeit als so gefestigt, dass wir beim Reflektieren unserer Coachings kein Entwicklungspotential mehr erkennen? Mit einem «Growth Mindset» bewegen wir uns zwischen diesen Polen. Wir erkennen, was wir können und bewirken. Wir vertrauen darauf und zeigen uns damit. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass wir unsere Wahrnehmungs- und Reflexionsfähigkeit sowie unsere Tools und Methoden stetig weiterentwickeln und immer noch mehr an Tiefe und Wirkungskraft erreichen können. Und immer wieder stellen wir liebevoll fest – ah, da war ich wieder «fixed», das darf ich loslassen.
Erleben wir unsere Kund:innen als verhaftet in einem dieser Pole oder springend von Pol zu Pol, können wir unsere Wahrnehmung mit ihnen teilen und den Raum öffnen für die vielen Möglichkeiten zwischen den beiden Polen. Wir können sie unterstützen, sich ihrer Wahlfreiheit bewusst zu werden und in konkreten Situationen ihre innere Ausrichtung und ihr Handeln entsprechend bewusst zu lenken. Entsprechende Umsetzungs-, Trainings- und Beobachtungsaufgaben zahlen nachhaltig auf die Stärkung der Selbstwirksamkeit und Selbstregulationsfähigkeit unserer Kund:innen ein.
Ein «Growth Mindset» unterstützt uns, in Begleitungen entwicklungs- und wachstumsorientierte Impulse zu setzen. Wertschätzung für das, was schon funktioniert und für das, was unsere Kund:innen schon probiert haben sind dabei zentral. Wir leben Ressourcenorientierung, stärken Stärken. Gleichzeitig fördern wir Entwicklung, indem wir einen sicheren Raum schaffen und halten, der es möglich macht, auch auf sensible Punkte hinzuweisen und Schwieriges anzusprechen oder zu spiegeln. So entsteht Raum für Tiefe und für persönliche Weiterentwicklung.
Quellenangaben:
Blackwell, L. S., Trzesniewski, K. H. & Dweck, C. S. (2007). Implicit Theories of Intelligence Predict Achievement Across an Adolescent Transition: A Longitudinal Study and an Intervention. Child Development, 78(1). 246-263. https://doi.org/10.1111/j.1467-8624.2007.00995.x
Dweck. C (2016, 13. Januar). What Having a «Growth Mindset» Actually Means. Harvard Business Review. https://hbr.org/2016/01/what-having-a-growth-mindset-actually-means (18.09.2025).
Lipsey, N. P., Burnette, J. L., Becker, W., Baker, L. R., McCrimmon, J. & Billingsley, J. (2023). A growth mindset intervention to improve mental health in adolescents during COVID-19. Social and Personality Psychology Compass,17. https://doi.org/10.1111/spc3.12894
NLI Staff (2022, 29. November). How to Give Feedback With a Growth Mindset Approach. NeuroLeadership Institute. https://neuroleadership.com/your-brain-at-work/feedback-strategies-growth-mindset/ (24.09.2025).
Rammstedt, B., Grüning, D. J. & Lechner, M. (2024). Measuring Growth Mindset. Validation of a Three-Item and Single-Item Scale in Adolescents and Adults. European Journal of Psychological Assessment, 40(1), 84-95. https://doi.org/10.1027/1015-5759/a000735
Rhew, E., Piro, J. S., Goolkasian, P. & Cosentino, P. (2018). The effects of a growth mindset on self-efficacy and motivation. Cogent Education, 5(1492337). https://doi.org/10.1080/2331186X.2018.1492337
Windolph, A. (2023, 23. März). Die besten Beispiele zum Growth Mindset gibt’s hier! Projekte leicht gemacht. https://projekte-leicht-gemacht.de/blog/softskills/zeitmanagement/growth-mindset-beispiele/ (24.09.2025).
Yeager, D. S. & Dweck, C. S. (2012). Mindsets That Promote Resilience: When Students Believe That Personal Characteristics Can Be Developed. Educational Psychologist, 47(4), 302-314. https://doi.org/10.1080/00461520.2012.722805
Karin Sidler
Karin Sidler verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit Menschen. Dies aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen und vielfältigen beruflichen Tätigkeiten in unterschiedlichen Branchen und auf verschiedensten Hierarchiestufen, unter anderem als Rechtsanwältin, Führungsperson und kaufmännische Mitarbeiterin. Als Coach und Supervisorin liegt ihr Entwicklung am Herzen. Sie arbeitet fokussiert im Bereich Persönlichkeitsentwicklung sowie Führungsreflexion und -entwicklung. Wichtig bei ihrer Arbeit ist ihr der Einbezug von Verstand, Herz und Intuition. Bewusstes Wahrnehmen und Achtsamkeitspraxis leiten ihr Handeln. Dies zeigt sich beispielsweise bei ihrer Arbeit mit inneren Anteilen, die sie weiterentwickelt hat zum Modell «Haus der Vielfalten®».
Sophie Plüss
hat den Bachelorstudiengang Kommunikationswissenschaft & Medienforschung an der Universität Zürich erfolgreich abgeschlossen. Sie unterstützt das Coachingzentrum als Creative Assistant in den Bereichen Marketing, Kommunikation und Produktentwicklung.


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