Publikationsdatum: 18. Juni 2026
Kann KI Coaches und Therapeut:innen ersetzen? Chancen und Grenzen von ChatGPT
Immer mehr Menschen nutzen ChatGPT für persönliche, emotionale oder psychische Anliegen, die mittlerweile zu den häufigsten Anwendungsfeldern von ChatGPT gehören (vgl. ARD Gesund, 2026; SRF news, 2025; tagesschau, 2025). Doch kann künstliche Intelligenz tatsächlich Coaching oder Therapie ersetzen? Der Artikel beleuchtet Chancen, Risiken und Grenzen von KI im Coaching.
Für manche Menschen fühlt sich KI wie ein Freund an – als jederzeit erreichbarer Gesprächspartner.
Von Sonja Kupferschmid und Sophie Plüss
Lesedauer: ca. 7 Minuten
In den sozialen Medien kursiert schon seit längerer Zeit der Trend, KI als digitalen Therapeuten zu nutzen. Insbesondere bei jüngeren Menschen werden Chatbots wie zum Beispiel ChatGPT als Coach oder Therapeut verwendet. Verschiedene Videos auf Instagram nehmen diesen Trend auf: Gespräche über die eigene psychische Gesundheit werden mit «You should try my therapist» erwidert. Zeitgleich wird ein Bild der Konversation mit ChatGPT eingeblendet (vgl. Post tech.unicorn). User berichten gegenüber der Tagesschau (2025) von tiefgehenden Gesprächen, emotionaler Unterstützung und dem Gefühl verstanden zu werden – alles aufgrund eines schriftlichen Gesprächs mit einem Chatbot.
Effektivität der KI-Therapeuten und KI-Coaches
Bisher konnte die Effektivität therapeutischer oder coachingbezogener Nutzung von ChatGPT wissenschaftlich nicht ausreichend genug belegt werden. Auch zu Langzeitfolgen und Risiken der Nutzung sind wissenschaftliche Grundlagen nur spärlich vorhanden (Eckert, 2025). Es kann jedoch auf die Erfahrungen der Nutzer:innen zurückgegriffen werden: Einzelne Nutzer:innen berichten von subjektiv positiven Erfahrungen: Sie fühlen sich verstanden, ernst genommen und emotional entlastet. Zwischen individueller Wahrnehmung und wissenschaftlicher Evidenz besteht somit derzeit eine deutliche Lücke.
In einem Selbstversuch in der ARD-Sendung (2026) schildert eine Moderatorin ihre Erfahrung. Sie schilderte ChatGPT eine persönliche Situation. ChatGPT reagierte mit Nachfragen zum Befinden, validiert ihre Gefühle und bietet zahlreiche konkrete Tipps an. Dieses «Gespräch» dauerte ca. 50 Minuten. Das Fazit fällt gespalten aus: Einerseits fühlte sie sich von der KI verstanden und ernstgenommen. Andererseits wurde sie mit einer Fülle von Ratschlägen bespielt, obwohl der Chatbot keine vertieften Informationen zu ihrer Situation hatte – und diesbezüglich auch nicht nachfragte. Dieses Beispiel verdeutlicht eine zentrale Stärke – und zugleich Schwäche – von ChatGPT: Das System reagiert schnell, validierend und strukturiert. Gleichzeitig ist es darauf ausgelegt, eher zustimmend zu antworten. Es fungiert gewissermassen als «People Pleaser». Kritische Konfrontation oder professionelle Distanz sind systembedingt kaum angelegt (ARD Gesund, 2026).
Wieso die künstliche Intelligenz als Coach und Therapeut so beliebt ist
Die wachsende Beliebtheit von ChatGPT als eine Art digitaler Coach oder Therapeut lässt sich durch mehrere Faktoren erklären. Erstens ist der Zugang denkbar niedrigschwellig: Die Anwendung ist rund um die Uhr verfügbar, kostenlos oder sehr günstig und ohne Wartezeiten nutzbar. In Zeiten, in denen Therapieplätze knapp sind und viele Menschen monatelang auf Unterstützung warten, wirkt ein sofort reagierendes System äusserst attraktiv. Hinzu kommt die Anonymität. Viele Menschen scheuen den Gang in eine Therapie aus Angst vor Stigmatisierung, Scham oder der Sorge, bewertet zu werden. Ein Chatbot bewertet nicht – im Gegenteil: Er reagiert meist zustimmend, validierend und wertschätzend. Nutzer:innen berichten, dass sie sich verstanden fühlen und keine Angst haben müssen, «falsch» zu sein. Für manche Menschen kann sich ChatGPT ausserdem wie ein Freund anfühlen – als jederzeit erreichbarer Gesprächspartner. Gerade in Phasen von Isolation kann dies subjektiv entlastend wirken (vgl. ARD Gesund, 2026; SRF news, 2025; tagesschau, 2025).
Grenzen und Risiken
Die Gefahren und Risiken, die von vertraulichen, psychologisch angelehnten und langen Gesprächen und Interaktionen mit einer KI ausgehen, werden spätestens mit einem Suizidfall in den USA bestätigt. Die Eltern eines verstorbenen 16-jährigen Teenagers werfen der Firma OpenAI, zu der ChatGPT gehört, vor, dass der Chatbot den Entschluss zum Suizid bestärkt habe (Tschirren, 2025). ChatGPT hat sogenannte «Guardrails»-Leitplanken. Diese verhindern bei heiklen Themen konkrete Ratschläge des Chatbots an die Nutzer:innen. Diese Schutzmechanismen können aber bei langen Chatverläufen mit der Zeit abnehmen (Tschirren, 2025). Wohl ist dieser Suizidfall ein Extremfall – leider jedoch kein Einzelfall (vgl. Schiffer, 2024).
Auch in der alltäglichen Nutzung von Chatbots mit psychotherapeutischen Absichten lauern Risiken und Gefahren. Eine davon ist, dass die meisten KI-Modelle dazu neigen, den Nutzer:innen immer zuzustimmen. Zusätzlich kann die künstliche Intelligenz halluzinieren (ARD Gesund, 2026). Dies bedeutet, dass Informationen inhaltlich falsch sind, obwohl sie sich auf angebliche Quellen beziehen (Meyer, 2025). Zusätzlich ist der Datenschutz oft unklar oder nicht gegeben. Ausserdem unterliegt das KI-Modell nicht der ärztlichen Schweigepflicht (SRF news, 2025).
Einordnung
Die beschriebenen Entwicklungen zeigen: Künstliche Intelligenz wird zunehmend als niedrigschwellige Gesprächspartnerin für emotionale und persönliche Anliegen genutzt. Diese Nutzung ist nachvollziehbar, insbesondere im Kontext knapper Therapieplätze, hoher psychischer Belastung und zunehmender Digitalisierung.
Aus unserer Coachingperspektive ist jedoch klar: KI kann professionelle Begleitung nicht ersetzen. Therapie und Coaching basieren auf Beziehung, Auftragsklärung, Kontextverständnis, ethischer Verantwortung und einer bewussten Haltung. Coaches arbeiten mit Resonanz, Konfrontation, Prozessgestaltung und einer längerfristigen Entwicklungsperspektive. Dies sind Aspekte, die über die reine textbasierte Mustererkennung hinausgehen.
Unsere Einordnung lautet daher: KI ist ein hilfreiches Tool für Selbstreflexion, kann aber ein professionelles Gegenüber nicht ersetzen. Kern von Therapie und Coaching bleibt die menschliche Beziehung und die verantwortungsvolle Prozessbegleitung.
Quellenangaben:
ARD Gesund. (2026, 14. Januar). Psychotherapie mit Chatbot: Kann KI mich therapieren? YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=EQm_SwlDXQI
Eckert, S. J. (2025, 17. Juli). Ich bin Psychologe und ChatGPT ist mein Therapeut. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=1eGqxn99ww4
Meyer, V. (2025, 30. September). Falsche Antworten durch KI? So entstehen KI-Halluzinationen. Moinai. https://www.moin.ai/ch/chatbot-lexikon/ki-halluzinationen
Schiffer, C. (2024, 31. Oktober). Suizid in den USA: Wenn KI-Freunde zur Gefahr werden. BR24. https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/wenn-ki-freunde-zur-gefahr-werden-suizid-in-den-usa-zeigt-tragischen-verlauf-einer-ki-beziehung,USgb6Ux
SRF news. (2025, 18. September). KI: Wie gut eignen sich Chatbots als Therapeuten? 10vor10 Beitrag. https://www.srf.ch/play/tv/10-vor-10/video/ki-wie-gut-eignen-sich-chatbots-als-therapeuten?urn=urn:srf:video:5f41d17b-9057-43b4-8925-9893b0bc6d24
Tagesschau. (2025, 30. September). ChatGPT vs. Therapie: Wo KI helfen kann – und wo nicht. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=JIEUrsruUWA
Tschirren, J. (2025, 28. August). ChatGPT unter Verdacht: Eltern klagen nach Suizid ihres Sohnes. SRF. https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/ki-und-ethik-chatgpt-unter-verdacht-eltern-klagen-nach-suizid-ihres-sohnes
Tech.unicorn. (2025, 22. September). Instagram Post. https://www.instagram.com/p/DO6eCl_kV5T/
Sonja Kupferschmid
leitet als Co-Geschäftsführerin das Coachingzentrum in Olten. Die Arbeits- und Organisationspsychologin verbindet ihre Expertise in Produktentwicklung mit fundierter Coaching-Erfahrung und hat das Weiterbildungsportfolio des Coachingzentrums wesentlich mitgeprägt. Mit ihrer langjährigen Praxis hat sie sich als Spezialistin in den Bereichen Coaching, betriebliches Mentoring, Resilienztraining, Teamcoaching und Supervision etabliert.
Sophie Plüss
hat den Bachelorstudiengang Kommunikationswissenschaft & Medienforschung an der Universität Zürich erfolgreich abgeschlossen. Sie unterstützt das Coachingzentrum als Creative Assistant in den Bereichen Marketing, Kommunikation und Produktentwicklung.


Coachingzentrum/Pixabay
Coachingzentrum/Canva