Publikationsdatum: 5. Februar 2025
Mental Load
Begriffe aus der Coachingwelt einfach und praxisnah erklärt.
Mental Load beschreibt die unsichtbare Belastung durch das ständige Planen, Organisieren und Erinnern von Aufgaben. Dieser unsichtbare Stress beeinflusst das Wohlbefinden und die Produktivität. Coaches können dabei helfen, das Bewusstsein für Mental Load zu schärfen und Mental Load zu reduzieren.
Mental Load beschreibt die unsichtbare Belastung durch das ständige Planen, Organisieren und Erinnern von Aufgaben.
Von Sonja Kupferschmid und Pascal von Känel
Lesedauer: ca. 6 Minuten
Während der Arbeit denkt man noch an den Einkauf, der noch erledigt werden muss. Man macht sich eine mentale Notiz: «Champignons, Mais und Mehl», erinnert sich daran, dass die Spülmaschine ja noch geleert werden muss und rechnet schon mal aus, wann man mit dem Kochen beginnen muss, damit das Essen nicht zu spät auf den Tisch kommt. All diese kleinen Aufgaben und Gedanken schwirren ständig im Kopf herum, drängen sich in den Arbeitsalltag und rauben Energie. Dies nennt man «Mental Load». Diese Mental Load beschreibt die unsichtbare Belastung durch das ständige Planen, Organisieren und Erinnern von Aufgaben. Dieser unsichtbare Stress betrifft viele Menschen im Alltag und beeinflusst das Wohlbefinden und die Produktivität.
Was bedeutet Mental Load?
Neben den sichtbaren Aufgaben wie Kochen oder Einkaufen gibt es eine Vielzahl von unsichtbaren Anforderungen, die ständig im Hintergrund laufen. Mental Load beschreibt diese unsichtbare Belastung einer Person in einem gemeinsamen Haushalt oder in einer Familie, die durch das ständige Planen, Organisieren und Koordinieren von Aufgaben und Verantwortlichkeiten entsteht. Dabei geht es nicht nur um die Erledigung von Aufgaben, sondern um das Denken an alle Aufgaben, die erledigt werden müssen. Egal ob es um Hausarbeit, soziale Verpflichtungen oder administrative Kleinigkeiten geht – man muss stets im Auge behalten, was als nächstes zu tun ist und wer welche Verantwortung übernimmt. Mental Load bleibt oft unsichtbar und wird selten direkt angesprochen, was dazu führt, dass die Person, die diese Denkarbeit leistet, wenig Unterstützung oder Anerkennung vom Partner oder der Partnerin erhält. Für viele Menschen, die für das Management eines Haushalts oder die Organisation des Familienlebens verantwortlich sind, bedeutet dies, dass sie ständig einen grossen Teil ihrer mentalen Kapazität dafür aufwenden müssen, ihre Aufgaben im Kopf zu behalten. (Berger, 2022; Schrammel, 2022).
Die Auswirkungen der unsichtbaren Arbeit
Diese geistige Last wächst häufig unbemerkt, kann aber gravierende Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben und aufgrund der ungleichen Verteilung langfristig zu Spannungen und Konflikten in Beziehungen führen. Es entstehen auch innere Rollenkonflikte, bei denen Beruf und Familie in Konkurrenz zueinander stehen. Es entstehen Schuldgefühle, nicht in beiden Bereichen 100% geben zu können (Schrammel, 2022). Mental Load hat auch Auswirkungen auf die Berufstätigkeit einer Person. Man hat durch die ständigen Denkprozesse weniger Energie für die Arbeit, die Leistung sinkt, man übernimmt weniger Verantwortung und hat so schlussendlich weniger Chancen im Unternehmen aufzusteigen (Schareika, 2021; Díaz-García et al., 2021).
Vereinbarkeit Beruf und Familie
Insbesondere wenn Kinder vorhanden sind, führt die Doppelbelastung bei Eltern zu verstärktem Mental Load. Der Mental Load ist dabei meist ungleich verteilt, wobei eine Person mehr davon übernimmt. Laut der aktuellen Forschung sind das im Moment bei heterosexuellen Paaren immer noch die Frauen (Schlosser, 2020). Doch auch Männer macht diese Belastung zusehends zu schaffen. Viel mehr Männer als früher berichten von der Doppelbelastung von Beruf und Familie. Einige Unternehmen, vor allem in der Technologiebranche, denken bereits darüber nach, wie sie Arbeitsplätze für Personen mit so einer Doppelbelastung attraktiver machen können. Damit soll dem Fachkräftemangel in dieser Branche entgegengewirkt werden. Zu diesen Überlegungen gehört auch, sich Gedanken darüber zu machen, ob der Kopf frei ist, um die Arbeit gut machen zu können (Schareika, 2021).
Bewusstsein schaffen und aktiv gegensteuern
Um den Mental Load gerecht zu verteilen oder zu verringern, können betroffene Personen, aber auch Unternehmen aktiv gegensteuern. Auf Seiten der Unternehmen gibt es folgende Vorschläge (Schareika, 2021):
Aufgaben auslagern
- Kinderbetreuung im Betrieb
- Mittagstisch für Kinder im Betrieb
- Wäscheservice
Schulungen
- Mitarbeitende über «Mental Load» informieren
- Strategien zum Umgang mit «Mental Load» vermitteln
- Mythos aufräumen: Eine willensstarke Frau schafft Karriere und Familie
Flexible Modelle anbieten
- Teilzeit
- Führungstandem
- Vertrauensarbeitszeit
- Zeitkonten
Auf Seiten des Individuums können folgende Schritte unternommen werden, um den Mental Load einer Person zu reduzieren (Cammarata, o. D.) :
1. Schritt: sichtbar machen
- Jeder schreibt für sich die Prozent an Aufgaben, die er/sie seiner/ihrer Meinung nach erledigt.
- Liste mit typischen Alltagsaufgaben erstellen
2. Schritt: bemessen
- Hinter die Liste schreiben, wer an die Aufgabe denkt, wer sie umsetzt, wie oft sie gemacht werden muss und wie lange es ungefähr dauert.
- Zusammenrechnen, wie viele Stunden pro Woche pro Person anfallen
- Ausgerechnete Werte vergleichen mit der Selbsteinschätzung von Schritt 1
- Wenn jemand mit der Verteilung nicht zufrieden ist, dann geht es weiter mit Schritt 3
3. Schritt: regelmässig planen
- 1x pro Woche Zeit nehmen, um anfallende Aufgaben zu verteilen
- Eine Person übernimmt den ganzen Prozess der Aufgabe nicht nur z.B. das Ausführen
4. Schritt: langfristig überprüfen
- Nach einiger Zeit reflektieren, was gut geklappt hat und was besser werden sollte
- Evtl. Aufgaben umverteilen
- Neu hinzugekommene Aufgaben verteilen
- Evtl. Aufgaben streichen
Durch diese Schritte wird neben der gerechten Aufteilung der Mental Load auch eine höhere Transparenz erreicht, was im Alltag geleistet wird und erhöht somit auch Wertschätzung und Verständnis.
Was bringt dieses Wissen in der Praxis?
In der Coaching-Praxis sollte man im Hinterkopf behalten, dass Mental Load existiert und auch ein Thema in einem Coaching sein kann. Wenn der Verdacht auftaucht, können Mental Load-Tests durchgeführt werden. Ein Beispiel ist hier verlinkt. Coaches können nun dabei helfen, das Bewusstsein für die Mental Load zu schärfen und erarbeiten gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten Strategien, um den Mental Load zu reduzieren. Hierbei geht es vor allem darum, festzustellen, welche Aufgaben belastend sind und wie diese auf andere verteilt oder effektiver organisiert werden können.
Ein zentraler Ansatz im Coaching ist es, Methoden zur Stressbewältigung und Achtsamkeit zu vermitteln. Techniken wie das Priorisieren von Aufgaben, das bewusste Setzen von Grenzen und das Erlernen, auch einmal Nein zu sagen, sind wertvolle Werkzeuge, um den Mental Load zu reduzieren. Zudem wird im Coaching oft die Kommunikation innerhalb der Familie oder Partnerschaft gefördert, um die Unsichtbarkeit des Mental Load aufzulösen und Aufgaben klar zu verteilen. Durch diesen Prozess können Klientinnen und Klienten lernen, Mental Load loszulassen und es wird wieder mentale Kapazität frei, um sich auf die Aufgaben im Beruf zu konzentrieren oder sogar mehr Verantwortung zu übernehmen.
Quellenangaben:
Berger, N. (2022, 14. Dezember). Die Arbeit, die Männer nicht sehen. Beobachter. https://www.beobachter.ch/gesundheit/psychologie/mental-load-die-mentale-last-standig-an-alles-zu-denken-und-warum-das-vor-allem-frauen-belastet-554483
Cammarata, P. (o. D.). Was ist Mental Load? Bundesverband Equal Care. https://equalcareday.org/was-ist-mental-load/
Díaz-García, J., González-Ponce, I., Ponce-Bordón, J. C., López-Gajardo, M. Á., Ramírez-Bravo, I., Rubio-Morales, A., & García-Calvo, T. (2021). Mental load and fatigue assessment instruments: A systematic review. International journal of environmental research and public health, 19(1), 419. https://doi.org/10.3390/ijerph19010419
Schareika, N. (2021, 23. März). Acht Tipps gegen den Karrierekiller Mental Load. WirtschaftsWoche. https://www.wiwo.de/erfolg/management/lasten-abnehmen-und-sich-verbuenden-acht-tipps-gegen-den-karrierekiller-mental-load/25984576.html
Schlosser, S. (2020, 02. März). Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingen kann. Deutschland Kultur. https://www.deutschlandfunkkultur.de/mental-load-wie-gerechte-arbeitsteilung-in-der-familie-100.html
Schrammel, B. (2022). Mental-Load. Ein psychodramatischer Blick auf die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie 21, 369–379 (2022). https://doi.org/10.1007/s11620-022-00690-9
Sonja Kupferschmid
leitet als Co-Geschäftsführerin das Coachingzentrum in Olten. Die Arbeits- und Organisationspsychologin verbindet ihre Expertise in Produktentwicklung mit fundierter Coaching-Erfahrung und hat das Weiterbildungsportfolio des Coachingzentrums wesentlich mitgeprägt. Mit ihrer langjährigen Praxis hat sie sich als Spezialistin in den Bereichen Coaching, betriebliches Mentoring, Resilienztraining, Teamcoaching und Supervision etabliert.
Sophie Plüss
hat den Bachelorstudiengang Kommunikationswissenschaft & Medienforschung an der Universität Zürich erfolgreich abgeschlossen. Sie unterstützt das Coachingzentrum als Creative Assistant in den Bereichen Marketing, Kommunikation und Produktentwicklung.



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