Publikationsdatum: 2. April 2025
Micro Habits
Begriffe aus der Coachingwelt einfach und praxisnah erklärt.
Veränderung beginnt selten mit grossen Vorsätzen – sondern mit kleinen, machbaren Schritten. Der Artikel erläutert, wie Micro Habits die Einstiegshürde für neue Verhaltensweisen senken, warum gerade ihre Einfachheit wirkt und wie aus minimalen Impulsen nachhaltige Entwicklung entstehen kann.
Wie minimale Schritte nachhaltige Veränderung im Alltag ermöglichen.
Von Karin Sidler und Pascal von Känel
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Micro Habits
Micro Habits sind winzige, leicht umsetzbare Gewohnheiten, die oft weniger als zwei Minuten pro Tag erfordern. Der Gedanke dahinter ist simpel: Anstatt grosse, oft überwältigende Vorhaben zu planen, fokussiert man sich auf sehr kleine, fast mühelose Aktionen. Diese kleinen Schritte sorgen für nachhaltigen Fortschritt, indem sie die Hemmschwelle zu Veränderungen senken. Ein Beispiel könnte sein: Anstatt sich vorzunehmen, jeden Tag 30 Minuten zu meditieren, beginnt man vorerst mit einer Atemübung von nur einer Minute pro Tag.
Der Vorteil von Micro Habits liegt in ihrer Einfachheit und Machbarkeit. Durch den geringen Aufwand werden mentale Widerstände abgebaut und die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass man wirklich beginnt. Mit der Zeit können diese kleinen Handlungen sich summieren und grosse Veränderungen bewirken (Clear, 2020).
Warum funktionieren Micro Habits?
Die Stärke der Micro Habits liegt in ihrer Einfachheit und Kontinuität. Die Wirksamkeit lässt sich mit Erkenntnissen aus der Verhaltenspsychologie erklären. Micro Habits zeichnen sich durch ihre einfache Umsetzung aus: Da sie klein und unaufwändig sind, lassen sie sich leichter in den Alltag integrieren. Ausserdem erlebt man durch sie positive Verstärkung, denn jedes Mal, wenn ein kleines Ziel erreicht wird, stellt sich ein Gefühl der Zufriedenheit ein. Diese positive Erfahrung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Handlung wiederholt wird. Langfristig gesehen summieren sich kleine Erfolge über die Zeit und können die Grundlage für grössere, komplexere Gewohnheiten bilden.
Gewohnheiten bestehen aus folgenden vier Schritten (Clear, 2020):
1. Auslösereiz
Ein Signal, das die Handlung einleitet. Dies wird auch Trigger genannt. Dieser sollte offensichtlich sein, damit unsere Aufmerksamkeit erregt wird. Zum Beispiel kann Zähne putzen ein Auslöser sein. Dies wird jeden Morgen gemacht und man merkt sofort, dass man die Zähne putzt. So kann eine Gewohnheit lauten: «Jedes Mal nach dem Zähneputzen mache ich 10 Kniebeugen.»
2. Verlangen
Die Motivation oder der Wunsch, die Gewohnheit auszuführen. Dabei ist das Verlangen nicht auf die Handlung selbst ausgerichtet, sondern auf die Belohnung davon. Man sehnt sich zum Beispiel nicht danach 10 Kniebeugen zu machen, sondern man sehnt sich nach dem Gefühl danach, schon am frühen Morgen etwas für den Körper gemacht zu haben.
3. Reaktion
Die tatsächliche Handlung, die ausgeführt wird. Die Ausführung ist davon abhängig, ob damit viel Aufwand verbunden ist. Durch Micro Habits ist dieser von Anfang an klein gehalten. 10 Kniebeugen nach dem Zähneputzen sind für fast jeden machbar.
4. Belohnung
Das positive Gefühl, welches nach der Handlung eintritt. Dies ist sehr zentral für das Weiterführen einer Gewohnheit, denn ohne Belohnung wird man das Verhalten höchst wahrscheinlich nicht mehr ausführen wollen. Das positive Gefühl, schon am frühen Morgen etwas für den Körper gemacht zu haben muss also auftreten, damit die gleiche Handlung am nächsten Tag und die Tage danach wieder ausgeführt wird.
Doch wie lange dauert es, bis so eine Handlung zur Gewohnheit wird und wir sie automatisch machen? Eine Studie hat herausgefunden, dass es ungefähr 66 Tage braucht, bis eine Handlung, welche wir immer wieder machen, zur Gewohnheit wird. Diese Zahl ist natürlich nur ein Richtwert und kann je nach Person und Umständen variieren (Lally et al., 2009).
Schritt für Schritt zur neuen Gewohnheit
Mit diesen 5 Schritten, schaffst du es, eine neue Gewohnheit zu implementieren (Clear, o. D.):
- Starte klein: Wenn dein Ziel ist, 50 Liegestütze zu machen, dann starte mit 5 Liegestützen am Tag. Dies braucht nicht viel Überwindung und du kannst sofort beginnen.
- Steigere deine Gewohnheiten in kleinen Schritten: Starte mit 5 Liegestützen pro Tag, nach einer Woche probierst du täglich 6, usw.
- Breche Gewohnheiten runter, wenn sie zu gross werden: Nach einigen Monaten bist du bei 50 Liegestützen. Statt alle am Stück zu machen, verteile diese durch den Tag und mache fünfmal 10 Liegestütze.
- Wenn du einen Tag auslässt, kehre so schnell wie möglich zur Gewohnheit zurück: Es kann vorkommen, dass du es mal nicht schaffst, die 5 Liegestütze zu machen. Wenn dies passiert, fahre gleich am nächsten Tag damit fort. Einmal die Gewohnheit zu verpassen hat keinen grossen Effekt auf deinen Fortschritt, sofern du sofort wieder damit anfängst.
- Habe Geduld: Wenn du nur kleine Veränderungen machst, braucht es seine Zeit, bis du dein Ziel erreicht hast, deshalb übe dich in Geduld. Besser du erreichst durch Micro Habits dein Ziel in einem Jahr, als es von Anfang an direkt mit einer grossen Veränderung umsetzen zu wollen und dies nach einer Woche schon wieder aufzugeben, weil es zu viel wird.
Praxistipp für Begleitungsprozesse
Was bringt mir dieses Wissen in der Praxis?
Im Coaching sind Micro Habits ein effektives Werkzeug, um Klientinnen und Klienten bei der Verhaltensänderung zu unterstützen. Statt überfordernde Ziele zu setzen, beginnen Coaches oft mit minimalen, machbaren Schritten. Ein Klient möchte zum Beispiel seine Zeit besser managen. Statt ihn direkt mit einer umfangreichen To-do-Liste zu konfrontieren, könntest du ihn ermutigen, einen Micro Habit zu entwickeln, wie z. B. jeden Abend drei Prioritäten für den nächsten Tag zu notieren. Dieses winzige Verhalten kann einen grossen Effekt auf die Produktivität haben, da ein so kleiner Schritt die mentale Schwelle senkt und oft dazu führt, dass die nächsten Schritte wie von selbst folgen. Ergänzend dazu können Wenn-Dann-Pläne eingesetzt werden, um die Umsetzungswahrscheinlichkeit des neuen Micro Habits zu erhöhen. Zum Beispiel: «Wenn ich am Morgen aufstehe, dann werde ich eine einminütige Achtsamkeitsübung machen!».
Die Wirkung dieser Mini-Gewohnheiten zeigt sich darin, dass sie Erfolge sichtbar machen. Selbst kleine Erfolge verstärken das Selbstvertrauen und motivieren, weiterzumachen. Coaches können Micro Habits daher gezielt einsetzen, um langfristige Veränderungen zu fördern.
Quellenangaben:
Clear, J. (2020). Die 1% Methode – minimale Veränderung, maximale Wirkung. Goldmann.
Clear, J. (o. D.). How to Build a New Habit : This is Your Strategy Guide. James Clear. https://jamesclear.com/habit-guide
Lally, P., Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W. & Wardle, J. (2009). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology, 40(6), 998-1009. https://doi.org/10.1002/ejsp.674
Karin Sidler
Karin Sidler verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit Menschen. Dies aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen und vielfältigen beruflichen Tätigkeiten in unterschiedlichen Branchen und auf verschiedensten Hierarchiestufen, unter anderem als Rechtsanwältin, Führungsperson und kaufmännische Mitarbeiterin. Als Coach und Supervisorin liegt ihr Entwicklung am Herzen. Sie arbeitet fokussiert im Bereich Persönlichkeitsentwicklung sowie Führungsreflexion und -entwicklung. Wichtig bei ihrer Arbeit ist ihr der Einbezug von Verstand, Herz und Intuition. Bewusstes Wahrnehmen und Achtsamkeitspraxis leiten ihr Handeln. Dies zeigt sich beispielsweise bei ihrer Arbeit mit inneren Anteilen, die sie weiterentwickelt hat zum Modell «Haus der Vielfalten®».
Pascal von Känel
hat das Masterstudium für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie & Verhaltensmedizin an der Universität Bern erfolgreich abgeschlossen und ist nun als Assistenzpsychologe I im Kinder- und Jugendbereich tätig. Er unterstützte das Coachingzentrum in der Produktentwicklung.


Canva / Coachingzentrum
Canva / Coachingzentrum