Publikationsdatum: 23. April 2026
Gefährden Social Media die Gesundheit?
Machen Social Media krank – oder ist die Aufregung darum übertrieben? Seit Jonathan Haidts Buch «The Anxious Generation» die Debatte neu entfacht hat, streiten Fachleute darüber, ob die psychischen Folgen sozialer Medien eine evidenzbasierte Krise oder bloss eine moderne Moral Panic sind. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Mehr als jede:r zehnte Jugendliche aus 44 Ländern leidet laut WHO unter negativen Folgen der Social-Media-Nutzung. Was steckt wirklich dahinter – und was bedeutet das für uns?
Soziale Medien machen es möglich, jederzeit und überall einen Dopamin-Kick auszulösen.
Von Sonja Kupferschmid und Sophie Plüss
Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der amerikanische Psychologe und Autor Jonathan Haidt brachte mit der Veröffentlichung des Buches «The Anxious Generation» (2024) die Debatte über die gesundheitlichen Auswirkungen von Social Media erneut ins Rollen. In diesem Zusammenhang findet der Begriff «Moral Panic» häufig Verwendung. Der britische Soziologe Stanley Cohen prägte diesen Begriff und definierte ihn als ein «gesellschaftliches Phänomen ( … ), [das] als massive Bedrohung dargestellt wird, obwohl empirisch kein aussergewöhnlicher Anstieg oder Gefahrenpotenzial nachweisbar ist» (Wickert, o. D.). Doch handelt es sich beim angeblich negativen Einfluss von Social Media auf die mentale Gesundheit tatsächlich um Moral Panic oder um eine evidenzbasierte Problematik?
Im Jay Shetty Podcast betont Jonathan Haidt, dass bisher noch keine Generation von einem «synchronisierten Kollaps der mentalen Gesundheit» betroffen war – und dass die betroffene Genration damit eine bedenkliche Ausnahme darstelle (Jay Shetty Podcast, 2024). Hinweise darauf liefert auch der Bericht der World Health Organization (2024) zum Thema «Jugendliche, Bildschirme und psychische Gesundheit»: Mehr als jede:r zehnte Jugendliche der rund 280’000 Befragten aus 44 Ländern kämpft mit negativen Folgen der Social-Media-Nutzung. Eine intensivere Nutzung sozialer Medien geht dabei mit geringerem seelischem und sozialem Wohlbefinden einher; zudem berichteten Nutzer:innen von einem höheren Substanzkonsum (WHO, 2024).
Dopamin-Kick durch Likes
Doch was macht Social Media so wirksam? Die Antwort liegt im Belohnungssystem des Gehirns. Der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Sven Steffes-Holländer erklärt im Interview mit psylife, dass bereits eine geringe Anzahl von Likes oder Nachrichten im Gehirn Dopamin ausschüttet – den Neurotransmitter, der massgeblich an unserem Wohlbefinden beteiligt ist. Soziale Medien machen es möglich, diesen Dopamin-Kick jederzeit und überall auszulösen (Werner, 2025). Wenn früh gelernt wird, dass Anerkennung primär über Likes und Kommentare kommt, kann dies laut Steffes-Holländer das Risiko für verminderte Konzentrationsfähigkeit, Ängste und depressive Symptome erhöhen. Barbara Studer, Neurowissenschaftlerin und Psychologin, betont, dass mentale Gesundheit und ein fitteres Gehirn trainiert werden können und zu «mehr Produktivität und Lebensqualität» führt (Hirncoach, 2025).
Die Sozialen Medien bieten jedoch auch zahlreiche Vorteile: Sie ermöglichen die einfache nationale und internationale Verknüpfung und Kommunikation zwischen den Nutzer:innen (DAK Onlineredaktion, 2025). Zusätzlich ermöglichen sie einen einfachen Zugang zu Informationen: 41% der jungen Schweizer Bevölkerung informiert sich täglich über Social Media (IGEM, o. D.). Des Weiteren können die sozialen Medien Nutzer:innen (kreativ) inspirieren sowie durch den Netzwerkcharakter zu besseren Jobchancen führen (DAK Onlineredaktion, 2025).
Die Effekte sind real, aber heterogen
Social Media als blosses Moral-Panic-Phänomen abzutun, unterschätzt reale neurobiologische Mechanismen und klinische Befunde. Gleichzeitig wäre eine unkritische Alarmstimmung unwissenschaftlich und für die aktuelle Debatte kontraproduktiv. Was es braucht, ist eine nüchterne, evidenzbasierte Haltung: Die Effekte sind real, wenn auch heterogen. Da Social-Media-Plattformen ein starkes kommerzielles Interesse daran haben, ihre Nutzer:innen langfristig zu binden, liegt die Verantwortung letztlich bei uns selbst – die Effekte zu kennen, kritisch einzuschätzen und aktiv gegenzusteuern.
Genau hier setzt die Arbeit an der mentalen Gesundheit an. Wer die eigenen Reaktionen auf digitale Reize besser versteht, kann bewusster mit ihnen umgehen. Unser Seminar «Mental Health Coaching: Werkzeuge für psychische Stärke» sowie weitere CZO-Weiterbildungsangebote bieten dafür einen fundierten Rahmen – für eine nachhaltige Stärkung der psychischen Resilienz im digitalen Alltag.
Quellenangaben:
DAK Onlineredaktion (2025, 15. Dezember). Social Media: Auswirkungen auf Psyche & Co. DAK Gesundheit. https://www.dak.de/dak/gesundheit/koerper-seele/persoenliche-entwicklung/social-media-auswirkungen-gesundheit_91930
Hirncoach (2025, August). Website Video August 2025. Vimeo. https://vimeo.com/1110929773?fl=pl&fe=cm /https://www.hirncoach.ch/
IGEM (o. D.). Online, Digitale News & Social Media – Nutzung Schweiz. Interessengemeinschaft Elektronische Medien Schweiz. https://www.igem.ch/mediennutzung-werbemarkt/online/
Jay Shetty Podcast (2024, 24. Juni). The Anxiety Doctor: Social Media is Cuasing A Mental Health COLLAPSE (&It’s Only Getting WORSE!). YouTube. https://youtu.be/cw3QGsuEVn8?si=dIieF7lsdEbT_v9i
Werner, S. (2025, 02. Oktober). Warum du Social Media in die psychotherapeutische Arbeit integrieren solltest. Psylife. https://psylife.de/magazin/interview/warum-du-social-media-in-die-psychotherapeutische-arbeit-integrieren-solltest
WHO (2024, 25. September). Jugendliche, Bildschirme und psychische Gesundheit. https://www.who.int/europe/de/news/item/25-09-2024-teens–screens-and-mental-health
Wickert, C. (o. D.). Moral Panic. SozTheo. https://soztheo.de/glossar/moral-panic/
Sonja Kupferschmid
leitet als Co-Geschäftsführerin das Coachingzentrum in Olten. Die Arbeits- und Organisationspsychologin verbindet ihre Expertise in Produktentwicklung mit fundierter Coaching-Erfahrung und hat das Weiterbildungsportfolio des Coachingzentrums wesentlich mitgeprägt. Mit ihrer langjährigen Praxis hat sie sich als Spezialistin in den Bereichen Coaching, betriebliches Mentoring, Resilienztraining, Teamcoaching und Supervision etabliert.
Sophie Plüss
hat den Bachelorstudiengang Kommunikationswissenschaft & Medienforschung an der Universität Zürich erfolgreich abgeschlossen. Sie unterstützt das Coachingzentrum als Creative Assistant in den Bereichen Marketing, Kommunikation und Produktentwicklung.



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