Publikationsdatum: 1. Mai 2025
Soziale Quellen von Resilienz: Wie unser Umfeld uns stärkt
Wer im Berufsleben erfolgreich Krisen meistert, tut dies selten allein. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass Resilienz weniger eine Charaktereigenschaft ist, sondern vielmehr durch unser soziales Umfeld geprägt wird. Besonders am Arbeitsplatz spielen unterstützende Beziehungen eine Schlüsselrolle – von der praktischen Hilfe bei Arbeitsspitzen bis hin zur emotionalen Unterstützung in belastenden Situationen.
Beziehungen zu Kollegen, Freundinnen und Familie helfen, Herausforderungen zu meistern und an ihnen zu wachsen.
Von Sonja Kupferschmid, Andrea Szekeres-Haldimann und Pascal von Känel
Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Fähigkeit, sich von Krisen zu erholen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen, wird als Resilienz bezeichnet. Lange Zeit galt sie als rein individuelle Eigenschaft – als innere Stärke, die manche Menschen besitzen und andere nicht. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. Neue Forschungsergebnisse zeigen: Unsere Widerstandskraft wird massgeblich durch unser soziales Umfeld geprägt. Es sind die Beziehungen zu Kollegen, Freunden und Familie, die uns helfen, Herausforderungen zu meistern und an ihnen zu wachsen. Diese Erkenntnis gewinnt in Zeiten schnellen Wandels, zunehmender beruflicher Anforderungen und gesellschaftlicher Veränderungen besondere Bedeutung (Cross et al., 2021). Andrea Szekeres-Haldimann, Resilienztrainerin, hat in ihrer Arbeit schon zahlreiche Beispiele beobachtet und erlebt, wie soziale Unterstützung in herausfordernden Situationen wirkt. Sie wird den Artikel durch einige Fallbeispiele verdeutlichen.
Die Kraft sozialer Unterstützung im Berufsleben
Die Unterstützung durch Mitarbeitende und Vorgesetzte am Arbeitsplatz erweisen sich als zentrale Säule bei Stress am Arbeitsplatz und zeigen sich auf verschiedenen Ebenen. Instrumentelle Unterstützung umfasst konkrete Hilfestellungen, wie das Abnehmen von Arbeitsaufgaben in Hochphasen. Die informationelle Unterstützung äussert sich durch hilfreiche Ratschläge und fachlichen Austausch. Bei emotionaler Unterstützung bieten Kolleginnen und Kollegen ein offenes Ohr in stressigen Phasen und gegenseitige Fürsorge bei Überlastung. Nicht zuletzt spielt auch die Bestätigung und Anerkennung durch Vorgesetzte eine wichtige Rolle – etwa durch positives Feedback oder die aktive Wertschätzung der geleisteten Arbeit. Besonders wertvoll ist dabei nicht nur die tatsächlich erhaltene Unterstützung, sondern bereits das Wissen, im Bedarfsfall auf ein funktionierendes soziales Netzwerk zurückgreifen zu können. Diese «Stand-by-Ressource», wie sie in der Forschung genannt wird, vermittelt Beschäftigten ein Gefühl von Sicherheit und Entlastung. Das Bewusstsein, Teil eines Teams zu sein, das Entscheidungen und Verantwortung mitträgt, hilft vielen, auch in Drucksituationen handlungsfähig zu bleiben (Schulz-Dadaczynski, 2023).
Wie sich diese Unterstützung in der Praxis zeigt, veranschaulicht folgendes Beispiel einer informationellen Unterstützung: Eine neue Führungskraft ist unsicher, wie er mit internen politischen Dynamiken umgehen soll. Eine erfahrene Kollegin teilt wertvolle Informationen darüber, wie Entscheidungen im Unternehmen getroffen werden, und hilft ihm so, sich schneller zurechtzufinden.
Resilienz als Teamsport
Eine umfassende Studie mit 150 erfolgreichen Führungskräften identifizierte acht zentrale Mechanismen, wie Beziehungen unsere Resilienz stärken:
- Arbeitsflut: In Hochphasen springen Kolleginnen und Kollegen ein und übernehmen Aufgaben, sodass Arbeitsspitzen gemeinsam bewältigt werden können.
- Orientierung: Durch den Austausch mit anderen in der Organisation gelingt es besser, die zwischenmenschlichen und politischen Dynamiken am Arbeitsplatz zu verstehen und einzuordnen.
- Selbstfürsorge: Einige Mitarbeitende geben uns den Rückhalt, uns abzugrenzen und für unsere eigenen Bedürfnisse einzustehen.
- Neue Wege: Kolleginnen und Kollegen können neue Perspektiven und Lösungswege aufzeigen, wenn wir selbst keine Auswege mehr sehen.
- Empathie: Dies hilft uns dabei, negative Gefühle zu verarbeiten und loszulassen.
- Humor: Bei der Bewältigung schwieriger Phasen helfen Mitarbeitende, welche mit uns über die Situation lachen können.
- Sinn: Andere Menschen erinnern uns an den tieferen Sinn und die Bedeutung unserer Arbeit.
- Perspektive: Vielfältige Beziehungen helfen dabei, Rückschläge in einem grösseren Kontext zu sehen und die Perspektive zu bewahren.
Diese acht Mechanismen verdeutlichen: Resilienz ist keine Einzelleistung, sondern entsteht im Zusammenspiel mit anderen (Cross et al., 2021). Die Mechanismen lassen sich auch in alltäglichen Arbeitssituationen beobachten: Ein Restaurant gerät unerwartet in einen Gästeansturm. Der Geschäftsführer und die Mitarbeitenden der Personalabteilung springen kurzfristig ein, um das Servicepersonal zu unterstützen.
Die Bedeutung von Beziehungsvielfalt
Besonders resiliente Menschen pflegen oft ein breites Spektrum an authentischen Verbindungen – von beruflichen Netzwerken über Sportgemeinschaften bis hin zu kulturellen oder sozialen Gruppen. Diese Vielfalt erweitert nicht nur die persönliche Perspektive, sondern bietet auch unterschiedliche Formen der Unterstützung in schwierigen Zeiten. Gerade in Phasen beruflicher Veränderung oder persönlicher Krisen zeigt sich der Wert eines diversen sozialen Netzwerks, wie folgendes Beispiel verdeutlicht: Eine Führungskraft nutzt ein Laufteam als Ventil für Stress. Die gemeinsamen Läufe sind nicht nur ein körperlicher Ausgleich, sondern bieten auch einen geschützten Raum für den Austausch über Herausforderungen im Beruf. Der Aufbau eines unterstützenden Netzwerks erfordert bewusste Investition in Beziehungen. Dabei ist es wichtig zu erkennen, welche Formen der Unterstützung individuell besonders wertvoll sind. Während einige Menschen vor allem vom fachlichen Austausch profitieren, schätzen andere die emotionale Unterstützung oder die Möglichkeit, durch Humor Abstand zu gewinnen. Die aktive Pflege bestehender Beziehungen und die Offenheit für neue Verbindungen sind dabei gleichermassen wichtig (Cross et al., 2021).
Gemeinsam stärker – ein Aufruf zum Handeln
Die Forschung zeigt deutlich: Resilienz ist nicht nur ein individueller Prozess, sondern kann sich auch im Zusammenspiel mit anderen weiterentwickeln. Dabei sind es nicht nur die konkreten Unterstützungsleistungen, die uns stärken. Schon das Wissen um ein verlässliches Netzwerk gibt Sicherheit und Kraft. Der Aufbau und die Pflege vielfältiger sozialer Beziehungen – sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld – erweisen sich damit als zentrale Investition in die eigene Resilienz. Diese Erkenntnis sollte auch Organisationen zum Umdenken bewegen: Wer Raum für den Aufbau tragfähiger Beziehungen schafft und ein unterstützendes Arbeitsumfeld fördert, stärkt nicht nur das Wohlbefinden der Mitarbeitenden, sondern auch ihre Fähigkeit, Herausforderungen erfolgreich zu meistern.
Quellenangaben:
Cross, R., Dillon, K. & Greenberg, D. (2021, 29. Januar). The Secret to Building Resilience. Harward Business Review. https://hbr.org/2021/01/the-secret-to-building-resilience.
Schulz-Dadaczynski, A. (2023). Die Rolle sozialer Beziehungen am Arbeitsplatz bei Arbeit unter Zeit- und Leistungsdruck. Prävention und Gesundheitsförderung, 18(1), 132-137.
Sonja Kupferschmid
leitet als Co-Geschäftsführerin das Coachingzentrum in Olten. Die Arbeits- und Organisationspsychologin verbindet ihre Expertise in Produktentwicklung mit fundierter Coaching-Erfahrung und hat das Weiterbildungsportfolio des Coachingzentrums wesentlich mitgeprägt. Mit ihrer langjährigen Praxis hat sie sich als Spezialistin in den Bereichen Coaching, betriebliches Mentoring, Resilienztraining, Teamcoaching und Supervision etabliert.
Andrea Szekeres-Haldimann
verfügt über langjährige Erfahrung in der Begleitung von Führungskräften, Teams und Mitarbeitenden in herausfordernden Situationen. Als ZRM-Trainerin unterstützt sie Menschen dabei, ihre inneren Ressourcen zu aktivieren und eine resiliente Haltung bzw. Führungskultur zu entwickeln. Als Coach und Trainer vermittelt sie ihr Wissen als Dozentin an verschiedenen Bildungsinstitutionen.
Pascal von Känel
hat das Masterstudium für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie & Verhaltensmedizin an der Universität Bern erfolgreich abgeschlossen und ist nun als Assistenzpsychologe I im Kinder- und Jugendbereich tätig. Er unterstützte das Coachingzentrum in der Produktentwicklung.



Coachingzentrum