Publikationsdatum: 4. Juni 2025
Überpsychologisierung
Begriffe aus der Coachingwelt einfach und praxisnah erklärt.
Gefühle werden heute analysiert, eingeordnet und diagnostiziert – doch wann wird Selbstreflexion zur Überinterpretation? Der Artikel zeigt auf, wie der Trend zur Überpsychologisierung unseren Blick auf uns selbst verändert, warum nicht jedes Gefühl eine Diagnose braucht und weshalb es oft hilfreicher ist, dem Leben wieder mehr Normalität zuzugestehen.
Nicht jedes unangenehme Gefühl muss sofort analysiert und «geheilt» werden.
Von Sonja Kupferschmid und Pascal von Känel
Lesedauer: ca. 6 Minuten
Überpsychologisierung
Überpsychologisierung beschreibt einen gesellschaftlichen Trend, bei dem psychologische Konzepte und Erklärungsmodelle übermässig auf alltägliche Lebenssituationen angewendet werden. Es ist der Versuch, jedes Verhalten, jede Emotion und jede zwischenmenschliche Interaktion durch die Brille der Psychologie zu betrachten und zu erklären. Was früher als normale Höhen und Tiefen des Lebens gesehen wurde, wird heute oft vorschnell psychologisch gedeutet und analysiert.
Diese Entwicklung wurde besonders durch die Pandemie verstärkt, die für viele Menschen eine Zeit intensiver Selbstreflexion darstellte. Während die zunehmende Aufmerksamkeit für psychische Gesundheit grundsätzlich positiv ist, kann die Überpsychologisierung dazu führen, dass Menschen die Fähigkeit verlieren, alltägliche Herausforderungen als normal zu akzeptieren und eigenständig zu bewältigen (Ambauen & Meyer, 2024).
Psychologie als ständiger Begleiter
Psychologische Inhalte haben sich zu einem allgegenwärtigen Element unseres täglichen Lebens entwickelt. Öffnen wir soziale Medien, werden wir mit einer Flut von psychologischen Ratschlägen, Selbsthilfe-Tipps und vermeintlichen Expertenmeinungen konfrontiert. Der Algorithmus von Google, Sozialen Medien und Co führen dann zu einer Omnipräsenz der Psychologie. Googeln wir einmal nach einem psychologischen Thema, werden uns fortan ähnliche Inhalte angezeigt. Dies führt dazu, dass wir ständig mit psychologischen Themen konfrontiert werden. Das Ergebnis ist eine nie endende Spirale der Selbstverbesserung: Wir sollen stets an uns arbeiten, uns weiterentwickeln und zu einer «besseren Version» unserer selbst werden. Diese permanente Konfrontation mit psychologischen Inhalten kann dann zu einer selektiven Wahrnehmung im Alltag führen. Ähnlich wie wir plötzlich überall die gleichen Schuhe sehen, nachdem wir uns entschieden haben, ein bestimmtes Modell zu kaufen, beginnen wir auch, überall psychologische Phänomene zu erkennen, ob sie nun tatsächlich vorliegen oder nicht (Ambauen & Meyer, 2024).
Überpsychologisierung im Sprachgebrauch
Ein besonders auffälliges Merkmal der Überpsychologisierung zeigt sich in unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Begriffe wie «Burnout», «Depression», «Trauma» oder «Narzissmus», die ursprünglich dem klinisch-psychologischen Kontext entstammen, sind heute fest in unserer Alltagssprache verankert. Diese Entwicklung hat zwei Seiten: Einerseits trägt sie zur wichtigen gesellschaftlichen Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen bei. Es ist heute normaler geworden, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen und psychische Gesundheit ist kein Tabuthema mehr. Andererseits führt sie aber auch zu einer problematischen Verwässerung dieser Fachbegriffe.
Dabei werden häufig normale Lebensereignisse oder persönliche Eigenschaften vorschnell mit klinischen Begriffen «gelabelt». Ein Beispiel: Während ein echtes Burnout oder eine klinische Depression schwerwiegende Erkrankungen sind, die professionelle Behandlung erfordern, wird heute oft schon eine stressige Lebensphase als Burnout bezeichnet. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff Trauma, der nicht jeden Erziehungsfehler der Eltern beschreibt, sondern tatsächlich einschneidende, oft lebensbedrohliche Erlebnisse bezeichnet.
Diese sprachliche Inflationierung hat weitreichende Folgen: Zum einen werden dadurch echte psychische Erkrankungen relativiert. Wenn jeder schon mal ein Burnout hatte, besteht die Gefahr, dass Menschen mit einer tatsächlichen Erkrankung weniger ernst genommen werden. Zum anderen kann diese Begriffsverwässerung dazu führen, dass die eigene Handlungsfähigkeit und Selbstverantwortung unterschätzt werden. Während man schwierige Lebensphasen oft aus eigener Kraft überwinden kann, benötigen echte psychische Erkrankungen professionelle Unterstützung.
Das Überpsychologisieren kann dazu führen, dass Menschen das Vertrauen in ihre eigene Resilienz verlieren und deswegen für jede Herausforderung professionelle Hilfe suchen. (Ambauen & Meyer, 2024; Gschwandtner, 2024).
Praxistipp für Begleitungsprozesse: Was bringt mir dieses Wissen in der Praxis?
In der Coaching-Praxis zeigt sich ein deutlicher Wandel: Klientinnen und Klienten suchen häufiger kurzfristige Hilfe statt langfristiger Lösungen. Dabei geht es oft mehr um schnelle Optimierung als um nachhaltige Entwicklung. Coaches stehen vor der Herausforderung, diesem Trend entgegenzuwirken und eine gesunde Balance zu finden. Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Wann ist professionelle Hilfe wirklich notwendig, und wann handelt es sich um normale Lebensphasen, die man auch alleine bewältigen kann? Ein guter Coach sollte vor allem als Wegbegleiter fungieren, der hilft zu normalisieren und zu entschleunigen. Dabei ist es wesentlich, die Klienten darin zu bestärken, auch mal innezuhalten und nicht jedem Optimierungsimpuls nachzugeben.
Gleichzeitig gilt es, das Vertrauen der Menschen in ihre eigenen Fähigkeiten zu stärken und sie daran zu erinnern, dass sie viele Herausforderungen aus eigener Kraft meistern können. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Coaching-Arbeit liegt darin, die Bewusstheit für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu fördern, sodass Klienten besser einschätzen können, wann professionelle Unterstützung wirklich notwendig ist. Nicht jeder Mensch braucht Coaching oder Psychotherapie, und nicht jedes unangenehme Gefühl muss sofort analysiert und «geheilt» werden. Manchmal reicht es auch, Gefühle einfach zu akzeptieren und sein zu lassen. Die Kunst liegt darin, einen gesunden Mittelweg zu finden zwischen hilfreicher Selbstreflexion und übertriebener Selbstanalyse (Ambauen & Meyer, 2024).
Quellenangaben:
Gschwandtner, B. (2024, 10. März). Überpsychologisierung. Praxis LebensWert. https://www.lebenswert-beratung.at/blog/uberpsychologisierung
Ambauen, F. & Meyer, S. (2024, 29. März). 89 Bedürfniskult – Oder über die Überpsychologisierung. Beziehungskosmos [Podcast]. https://podcasts.apple.com/de/podcast/89-bed%C3%BCrfniskult-oder-%C3%BCber-die-%C3%BCberpsychologisierung/id1501675123?i=1000650802357
Sonja Kupferschmid
leitet als Co-Geschäftsführerin das Coachingzentrum in Olten. Die Arbeits- und Organisationspsychologin verbindet ihre Expertise in Produktentwicklung mit fundierter Coaching-Erfahrung und hat das Weiterbildungsportfolio des Coachingzentrums wesentlich mitgeprägt. Mit ihrer langjährigen Praxis hat sie sich als Spezialistin in den Bereichen Coaching, betriebliches Mentoring, Resilienztraining, Teamcoaching und Supervision etabliert.
Pascal von Känel
hat das Masterstudium für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie & Verhaltensmedizin an der Universität Bern erfolgreich abgeschlossen und ist nun als Assistenzpsychologe I im Kinder- und Jugendbereich tätig. Er unterstützte das Coachingzentrum in der Produktentwicklung.



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