Publikationsdatum: 29. Juli 2026
Umgang mit Komplexität, Ambivalenz und Unsicherheit
In Coachinggesprächen taucht das Thema Nachhaltigkeit zunehmend auf – meist implizit, als Frage nach Sinn, Verantwortung und dem eigenen Beitrag in einer Welt multipler Krisen. Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Digitalisierung, wachsende soziale Ungleichheit: Die Welt befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch, der nicht nur politisches Handeln, sondern auch neue Formen des Denkens und Lernens erfordert. Hier begegnen sich zwei Themenfelder, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben: Coaching und Bildung in Nachhaltiger Entwicklung (BNE). Beide stellen dieselbe Kernfrage: Wie gehen Menschen mit Komplexität, Ambivalenz und Unsicherheit um – und wie können sie dabei handlungsfähig bleiben?
Nachhaltige Entwicklung erfordert die Bereitschaft, bestehende Routinen zu hinterfragen, Perspektiven zu wechseln, Verantwortung zu übernehmen und die Zukunft aktiv mitzugestalten.
Von Claudia Meierhans
Lesedauer: ca. 11 Minuten
BNE: mehr als Wissensvermittlung
Bildung in Nachhaltiger Entwicklung (kurz: BNE), wie sie von der UNESCO im Rahmen der globalen Nachhaltigkeitsagenda formuliert wird, versteht Bildung nicht als blosse Wissensvermittlung, sondern als Befähigung zur aktiven Mitgestaltung gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Nachhaltige Entwicklung erfordert die Bereitschaft, bestehende Routinen zu hinterfragen, Perspektiven zu wechseln, Verantwortung zu übernehmen und die Zukunft aktiv mitzugestalten. Der Umgang mit Komplexität und Unsicherheit wird damit zur Schlüsselkompetenz (UNESCO, 2017).
Auch in der Schweiz ist diese Ausrichtung curricular verankert: Für die Volksschulen im Lehrplan 21 seit 2016 (D-EDK, 2016), im Rahmenlehrplan der gymnasialen Maturitätsschulen seit 2024 (EDK, 2024) sowie ab 2026 auch in der beruflichen Grundbildung (SBFI, 2025). Wie eine solche Bildung konkret ausgestaltet werden kann, wird entsprechend breit diskutiert (Pettig & Singer-Brodowski, 2025).
Eine BNE erfordert neben vertieftem Fach- und Systemwissen auch die Fähigkeit, anders zu denken und zu handeln sowie den Mut, gesellschaftliche wie individuelle Normalitätsvorstellungen und Weltanschauungen nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu hinterfragen (UNESCO, 2017). Zentral dafür ist das Konzept des transformativen Lernens: Gemeint ist damit nicht blosse Wissenserweiterung, sondern eine Veränderung der Referenzrahmen – also jener tief verankerten Annahmen und Überzeugungen, durch die Menschen die Welt deuten und ihre Entscheidungen treffen (Mezirow, 2000). Wer im Coachingbereich arbeitet, kennt diesen Prozess gut.
Coaching und BNE – zwei Themenfelder, die sich gegenseitig inspirieren können
Coaching fördert genau jene personalen und sozio-emotionalen Kompetenzen, die für transformative Lernprozesse notwendig sind: Selbstreflexion, Selbstwahrnehmung, Perspektivenvielfalt, Kommunikation und die Fähigkeit, konstruktiv mit Widersprüchen umzugehen. Einen hilfreichen Referenzrahmen bieten dabei die Inner Development Goals (IDGs), die 2022 von einer internationalen Initiative lanciert wurden. Die IDGs beschreiben innere Qualitäten und Fähigkeiten, die Menschen brauchen, um die Nachhaltigkeitsziele der UNO aktiv mitzugestalten – darunter Selbstwahrnehmung, Beziehungsfähigkeit, systemisches Denken und die Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen (Inner Development Goals Initiative, 2022). Genau diese Qualitäten stehen im Zentrum professioneller Coachingarbeit.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass Coaching automatisch einen Beitrag zur BNE leistet. Vielmehr kann Coachingarbeit spezifische Voraussetzungen und Handlungsmöglichkeiten eröffnen, die transformative Bildungsprozesse unterstützen – etwa indem sie innere Haltungen, dialogische Fähigkeiten und Reflexionsräume stärken. Umgekehrt kann BNE Coaches inspirieren, den Wirkungskreis zu erweitern: weg vom individuumszentrierten Blick, hin zu einer Haltung, die auch gesellschaftliche Zusammenhänge, Mensch-Natur-Verhältnisse und strukturelle Veränderungen mitdenkt. Im Folgenden werden vier Bereiche skizziert, in denen Coaching und BNE sich gegenseitig inspirieren.
1. Haltungsarbeit und Werteklärung
Vielleicht kennen Sie dies aus Ihrer Praxis: Klienten und Klientinnen, die im Gespräch merken, dass ihr Handeln und ihre Werte auseinanderdriften – und die genau darin den eigentlichen Kern ihres Anliegens entdecken.
Nachhaltigkeit ist normativ aufgeladen und damit immer auch eine Wertefrage. Die UNESCO benennt die Fähigkeit, eigene Normen, Werte und Haltungen zu verstehen und zu reflektieren, deshalb als zentrale Kompetenz für eine BNE (UNESCO, 2017). Coaching ist für die Förderung dieser Kompetenz besonders geeignet: Es schafft konkrete Erfahrungs- und Reflexionsräume – beispielsweise durch Wertearbeit, Dilemma-Reflexionen oder die Auseinandersetzung mit inneren Antreibern – in denen Klientinnen und Klienten ihren eigenen Werterahmen bewusster wahrnehmen. Solche Prozesse lassen sich im Sinne des transformativen Lernens verstehen: Bestehende Denk- und Deutungsmuster werden erkannt, kritisch hinterfragt und gegebenenfalls weiterentwickelt.
2. Perspektivenvielfalt und systemisches Verständnis
Coachinganliegen sind selten einfach. Sie sind komplex, oft kontrovers und von vielfältigen Interessen geprägt. Coaches sind gefordert, diese Komplexität nicht zu vereinfachen, sondern gemeinsam mit ihren Kunden und Kundinnen bearbeitbar zu machen. Systemisches Denken hilft dabei, Wechselwirkungen sichtbar zu machen und vorschnelle Lösungen zu vermeiden – durch Aufstellungen, Reframing, zirkuläre Fragen oder gezielten Perspektivenwechsel.
Im Sinne einer BNE wird damit ein Denken gefördert, das über lineares Problemlösen hinausgeht. Vare und Scott (2007) betonen, dass Bildung in Nachhaltiger Entwicklung sowohl kritisches Denken als auch die Fähigkeit erfordert, sich in komplexen Systemen zu orientieren – Fähigkeiten, die im Coaching gezielt geübt werden können.
3. Reflexion eigener Normalitätsvorstellungen und sozio-kultureller Prägung
Was wir als «normal» wahrnehmen, ist stark durch unsere sozio-kulturellen Prägungen geformt. Wahrnehmungen von «Natur», «Fortschritt», «Wohlstand» oder «Gerechtigkeit» sind nicht neutral, sondern kulturell, biografisch und gesellschaftlich gerahmt. Im Nachhaltigkeitskontext können solche impliziten Annahmen Veränderungsprozesse erschweren – oder gar verhindern.
Coaching bietet hier einen geschützten Raum, um diese Selbstverständlichkeiten sichtbar und hinterfragbar zu machen. Durch biografische Reflexion, Perspektivenwechsel oder das gezielte Irritieren bestehender Denk- und Deutungsmuster lassen sich Lern- und Denkprozesse anregen, die über reines Wissen hinausgehen. BNE fordert genau das: eine kritische Selbstverortung – die Frage, welche Weltbilder, Privilegien und kulturellen Narrative das eigene Verständnis von Arbeit, Leistung, Erfolg, Verantwortung oder Zusammenarbeit prägen. In diesem Bereich greifen Coaching und BNE besonders eng ineinander: Anders als die Arbeit an einzelnen Werten oder Haltungen zielt diese Reflexion auf die dahinterliegenden Referenzrahmen selbst – und damit auf eine tiefere Ebene als reine Verhaltensänderung.
4. Umgang mit Unsicherheit und Ambivalenz
Nachhaltige Entwicklung ist als Themen- und Handlungsfeld geprägt von Unsicherheiten, Ambivalenz und Zielkonflikten. Coaching kennt diese Anforderung aus der eigenen Praxis nur zu gut. Coaches benötigen die Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten und produktiv zu nutzen, anstatt vorschnell auf eindeutige Lösungen zu drängen. Gleichzeitig geht es darum, Kunden und Kundinnen zu stärken, damit sie trotz Unsicherheit handlungsfähig bleiben. In der Praxis geschieht dies durch das bewusste Arbeiten mit Zielkonflikten, das Zulassen von «sowohl-als-auch»-Perspektiven oder durch gezielte Resilienzförderung.
Für die BNE bedeutet dies: Menschen befähigen, sich in einer sich wandelnden Welt zu orientieren und Verantwortung zu übernehmen – und dabei weder in Lähmung noch in Aktionismus zu verfallen. Diese Kompetenz ist sowohl für professionelle Coaches als auch für Menschen, die nachhaltige Veränderungen anstossen wollen, zentral.
Reflexion als Anfang – nicht als Ziel
Die hier skizzierten Kompetenzen führen nicht automatisch zu einem nachhaltigen Lebensstil oder zu aktivem Engagement für Gerechtigkeit. Entscheidungen bleiben individuell und von vielfältigen Faktoren beeinflusst. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Bewusstheit: Wer sich mit eigenen Werten, Normen und Entscheidungsprozessen auseinandersetzt, trifft Entscheidungen reflektierter. Ein nicht nachhaltiger Lebensstil kann dann eine bewusste Wahl sein – und nicht, wie häufig zu beobachten, das Ergebnis von Verdrängung oder unreflektierten Routinen.
Wer als Coach Menschen dabei begleitet, ihre Referenzrahmen zu erweitern, ihre Werte zu klären und mit Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben, leistet etwas, das eine nachhaltige Entwicklung dringend braucht: Menschen, die nicht nur anders denken, sondern auch anders sind. Coaches sind deshalb – ob sie es explizit so verstehen oder nicht – Mitgestaltende einer Kultur des Nachdenkens, des Perspektivenwechsels und der bewussten Entscheidung: ein Beitrag zu jener inneren Dimension gesellschaftlicher Veränderung, die in Zeiten des Wandels unverzichtbar ist.
Quellenangaben:
Literatur
D-EDK – Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz. (2016). Lehrplan 21. D-EDK. Abgerufen am 16.Juni 2026 von https://www.lehrplan21.ch
EDK – Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. (2024). Rahmenlehrplan für die gymnasialen Maturitätsschulen. EDK. Abgerufen am 16. Juni 2026, von https://www.edk.ch
Inner Development Goals Initiative. (2022). Inner Development Goals: Background, method and the IDG framework. IDG Initiative. Abgerufen am 16. Juni 2026, von https://innerdevelopmentgoals.org
Mezirow, J. (Hrsg.). (2000). Learning as transformation: Critical perspectives on a theory in progress. Jossey-Bass.
Pettig, F., & Singer-Brodowski, M. (2025). Learning in relation with a changing world: Thinking beyond ESD 1 and ESD 2 towards ESD 3. Journal of Education for Sustainable Development, 18(2), 176–201.
SBFI – Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation. (2025). Rahmenlehrplan für die berufliche Grundbildung. SBFI. Abgerufen am 16. Juni 2026, von https://www.sbfi.admin.ch
UNESCO. (2017). Education for sustainable development goals: Learning objectives. UNESCO. Abgerufen am 16. Juni 2026, von https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000247444
Vare, P., & Scott, W. (2007). Learning for a change: Exploring the relationship between education and sustainable development. Journal of Education for Sustainable Development, 1(2), 191–198.
Claudia Meierhans
M.Sc. Geographie, Höheres Lehramt Mittelschulen, CAS Transkulturelles Coaching und Organisationsberatung, CAS Coaching Aus der langjährigen Tätigkeit als Lehrperson und Dozentin mit unterschiedlichen Zielgruppen bringt Claudia Meierhans vielfältige Erfahrungen beim Begleiten von Lernprozessen und Führen von Lerngruppen mit. Nach ihrem Studium in Geographie und Soziologie und der Ausbildung zur Mittelschullehrperson hat sie hat den Lehrgang Coaching Mentoring absolviert und verbindet heute fundiertes Coaching-Know-how mit ihrer Expertise im Bereich Interkulturalität und pädagogische Entwicklungszusammenarbeit.


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