Publikationsdatum: 29. Juli 2026
Wenn die Seele Überstunden macht
Ein Unternehmen ohne Mitarbeitende kann kaum funktionieren. Sie sind mitunter das wichtigste Kapital. Umso wichtiger ist es, ihre psychische Gesundheit zu stärken und ein Arbeitsumfeld zu erschaffen, in dem Belastungen ernstgenommen und präventiv dagegen gearbeitet wird. Es handelt sich dabei nicht nur um eine wirtschaftliche Kostenfrage, sondern um die Investition in die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und in das Wohlergehen der Menschen, die es tragen.
Von Sonja Kupferschmid und Sophie Plüss
Lesedauer: ca. 9 Minuten
Der Job-Stress-Index von 2022 zeigt, dass sich 30.3% der Erwerbstätigen emotional erschöpft fühlen und über 28% der Befragten haben einen Job-Stress-Index im kritischen Bereich (Gesundheitsförderung Schweiz, o. D.). Diese Zahlen zeigen, dass es umso wichtiger ist, die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden zu stärken. Arbeitsbezogener Stress ist nicht nur für das Unternehmen und die Wirtschaft sehr kostspielig, sondern es kann auch die Teamdynamik und -stimmung beeinflussen (Gesundheitsförderung Schweiz, o. D.). Dabei sollten Unternehmen ihren Fokus stark auf Prävention psychischer Belastungen am Arbeitsplatz legen, anstelle erst auf die Folgen davon zu reagieren.
Psychische Belastung am Arbeitsplatz
Unsere Gesellschaft schreibt der Arbeit einen grossen Stellenwert zu: Guter Job, hoher Lohn, erfüllende Arbeit. Sie ist Teil unserer Identität und trägt zu unserem wahrgenommenen Selbstbild und Selbstwert bei. Im Arbeitsalltag ist man immer wieder mit neuen Rahmenbedingungen, Konflikten und stressigen Situationen konfrontiert. Die arbeitsbedingte Belastung hat daher einen grossen Einfluss auf unser psychisches Wohlbefinden und es ist umso wichtiger, ein gesundes Arbeitsumfeld zu gestalten, in dem die psychische Gesundheit gestärkt werden kann (pro mente sana, o. D. a).
Durch die schnelle und komplexe Arbeitswelt der heutigen Zeit, gibt es einige arbeitsbedingte Belastungen. Die Stiftung Pro Mente Sana (o. D. a). nennt insbesondere die Arbeitsorganisation, Über- und Unterforderung, ungelöste Konflikte, unklare Kommunikation und Führung sowie langfristiger Zeitdruck und zu hohes Arbeitsvolumen. Psychische Belastungen haben ihren Ursprung jedoch nicht ausschliesslich von der Arbeit und dem dazugehörigen Umfeld. Viele Lebensbereiche beeinflussen die psychische Gesundheit und können dementsprechend auch der Ursprung psychischer Belastungen sein. Jegliche psychische Belastung kann jedoch die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz einschränken.
Psychische Belastungen können sich auf viele verschiedene Arten äussern: Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeit, Erschöpfung, Reizbarkeit und viele mehr, können ein Anzeichen anhaltender psychischer Belastung sein. Für Betroffene ist es wichtig in solchen Situationen Hilfe zu holen und sich jemanden anzuvertrauen (pro mente sana, o. D. a). Dies kann beispielsweise eine Telefonberatung, ein Coaching oder eine psychotherapeutische Behandlung sein.
Case Management
Beim Umgang mit mentaler Gesundheit am Arbeitsplatz ist betriebliches Case Management (BCM) besonders wichtig – insbesondere, wenn es sich bereits um eine verschlechterte mentale Gesundheit oder um eine Erkrankung handelt (Pugliese, 2024). Das betriebliche Case Management «ist eine Handlungsmethode zur strukturierten und koordinierten Gestaltung von Unterstützungs- und Beratungsprozessen.» (Netzwerk Case Management Schweiz, 2022, S. 4). Mitarbeitende die beispielsweise aufgrund psychischer Überlastung am Arbeitsplatz ausgefallen sind, werden so anhand eines strukturierten Plans wieder Schritt für Schritt in den Betrieb eingegliedert. Zusammen möchte man so die angepeilten Ziele erreichen und der Fokus liegt dabei auf die nachhaltige Wiedereingliederung (Netzwerk Case Management Schweiz, 2022, S. 4).
Das betriebliche Case Managment geschieht dabei in fünf unterschiedlichen Prozessschritten. Zuerst befindet man sich in der Phase «Clearing und Intake». In diesem Schritt wird das Verfahren aufgegleist und Zuständigkeiten geklärt, bevor es in die zweite Phase kommt, nämlich das «Assessment». Dabei wird die Problem- und Ressourcenlage beurteilt und dokumentiert. Zusätzlich wird der Veränderungsbedarf definiert. In der dritten Phase «Ziel- und Handlungsplanung» werden die vorigen zwei Phasen in konkrete Schritte und Handlungsmassnahmen umgewandelt. In der vierten Phase werden diese umgesetzt und die Durchführung davon überwacht. Abschliessend kommt der fünfte und letzte Schritt: Die Evaluation. Dabei wird beurteilt und bewertet, ob die gesetzten Ziele und Veränderungen erreicht worden sind (Netzwerk Case Management Schweiz, 2022, S. 7).
Der Einfluss guter Führung
Damit die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden nachhaltig gestärkt werden kann, können Unternehmen auf das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) zurückgreifen und es aktiv im Unternehmen einbauen. Das BGM beschreibt Massnahmen, welche die physische und psychische Gesundheit der Mitarbeitenden unterstützen und stärken sollen. Für dessen Implementierung sind die Führungskräfte verantwortlich. Beispielsweise können Führungspersonen kurze Statusgespräche führen, gemeinsame Rituale schaffen und die psychologische Sicherheit im Unternehmen aktiv fördern. So können sie den aktuellen Gesundheitsstatus der Mitarbeitenden abfragen und so jene Massnahmen wählen, die konkret auf dessen Besserung abzielen. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist nicht immer direkt sichtbar. Jedoch zahlen sich die Investitionen langfristig für die Mitarbeitenden und somit auch für das Unternehmen aus (Meyer, 2026).
Der Weg zu einer gesunden Arbeitswelt
Die obigen Ausführungen zeigen klar, dass psychische Belastungen am Arbeitsplatz immer häufiger vorkommen und es ein ernstzunehmendes Thema ist. Dabei tragen Unternehmen eine zentrale Verantwortung: Sie können durch gezielte Prävention, ein strukturiertes Case Management und eine Führungskultur, die psychologische Sicherheit fördert, massgeblich dazu beitragen, dass psychische Belastungen erst gar nicht zu ernsthaften Erkrankungen führen. Wer die mentale Gesundheit seiner Mitarbeitenden ernst nimmt, investiert nicht nur in deren Wohlbefinden, sondern auch in die langfristige Leistungsfähigkeit und den Erfolg des gesamten Unternehmens. Es liegt somit im Interesse aller Beteiligten, psychische Gesundheit nicht als Randthema, sondern als festen Bestandteil einer zukunftsfähigen Unternehmenskultur zu verstehen.
Quellenangaben:
Gesundheitsförderung Schweiz (o. D.). Dossier: Stress. https://gesundheitsfoerderung.ch/medien/dossier-stress
Meyer, C. (2026, 9. Februar). Führung als Schlüssel wirksamer BGM-Massnahmen. HSLU Hochschule Luzern. https://hub.hslu.ch/soziale-arbeit/fuehrung-als-schluessel-wirksamer-bgm-massnahmen/
Netzwerk Case Management Schweiz (2022). Definitionen und Standards Case Management. Hochschule Luzern. https://www.netzwerk-cm.ch/_files/ugd/13c060_088b28c6e7af46769ee1e12a216668dc.pdf
Pro mente sana (o. D. a). Risikofaktoren am Arbeitsplatz. https://promentesana.ch/angebote/anzeichen-erkennen/risikofaktoren-am-arbeitsplatz
Pugliese, D. (2024, 18. Juli). Nutzen und Ziel des betrieblichen Case Managements. Health & Medical Service. https://hmsag.ch/blog/nutzen-und-ziel-des-betrieblichen-case-managements
Sonja Kupferschmid
leitet als Co-Geschäftsführerin das Coachingzentrum in Olten. Die Arbeits- und Organisationspsychologin verbindet ihre Expertise in Produktentwicklung mit fundierter Coaching-Erfahrung und hat das Weiterbildungsportfolio des Coachingzentrums wesentlich mitgeprägt. Mit ihrer langjährigen Praxis hat sie sich als Spezialistin in den Bereichen Coaching, betriebliches Mentoring, Resilienztraining, Teamcoaching und Supervision etabliert.
Sophie Plüss
hat den Bachelorstudiengang Kommunikationswissenschaft & Medienforschung an der Universität Zürich erfolgreich abgeschlossen. Sie unterstützt das Coachingzentrum als Creative Assistant in den Bereichen Marketing, Kommunikation und Produktentwicklung.


Coachingzentrum / Canva
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